Die Bankenkrise 2009 und ihre Folgen
Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehmann Brothers am 15. September 2008 war sowohl für die Finanzbranche als auch für die Wirtschaft und die Politik ein tiefer Schock. Viele Banken mussten aus Liquiditätsgründen Aktivvermögen verkaufen, wodurch die Börsenkurse abstürzten. Reihenweise brachen Banken zusammen, darunter auch die deutsche Hypo Real Estate (HRE).
Der Banken-Crash war aber nur der sichtbare Auslöser der Krise: Die eigentlichen Gründe waren einmal die Niedrigzinspolitik der US-amerikanischen Fed nach der Dotcom-Krise und zum anderen die inflatorische Entwicklung des amerikanischen Wohnungsmarktes, die die amerikanische Regierung zu verantworten hatte. Die Bankenkrise begann mit dem massenhaften Ausfall staatlich geförderter Kredite an Menschen, die kein Einkommen, keinen Job und kein Vermögen hatten („No Income, No Job or Asset“).
Von den Medien und Politikern in Deutschland wurden der Zusammenbruch von Lehman Brothers und seine Folgen nicht nur als das Scheitern einer Bank, sondern auch als ein Ereignis interpretiert, das eine Zeitenwende einläutete. So schrieb Hans-Ulrich Jörges im Magazin Stern: „Das ist ein Epochenbruch: Das Scheitern der neoliberalen Verheißung, das Ende des Glaubens an den selbstregulierenden, klugen, lernfähigen, Wohlstand schaffenden Markt, der Untergang des Investmentbanking als Renditemaschine. Und die Rückkehr des Staates als Hüter des Gemeinwohls, als politischer Regisseur auf der Bühne der Globalisierung.“
Innerhalb der von Angela Merkel als Kanzlerin geführten Bundesregierung war Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) für das Krisenmanagement zuständig. Es gelang ihm, mit einem in wenigen Tagen geschaffenen Bankenrettungsfonds schnell wieder für Ruhe auf den Finanzmärkten zu sorgen. Als der Bankenrettungsfonds Ende 2015 seine Tätigkeit einstellte, waren bei den privaten Banken Verluste von 21,9 Mrd. Euro aufgelaufen, für die der Staat teilweise haften musste.
Die gescheiterte Banken-Regulierung durch die G20-Staaten
Schon beim G20-Treffen der Staats- und Regierungschefs in Washington am 15. November 2008 stand die Finanzkrise auf der Tagesordnung. Angesichts der akuten Probleme bei den Banken einigten sich die Teilnehmer darauf, künftig auf den Finanzmärkten „alle Marktteilnehmer, alle Produkte und alle Märkte wirklich überwachen und regulieren“ zu wollen. Diese Ankündigung sollte das „Dogma“ für eine breit angelegte Regulierung der Banken sein, mit der die angeblichen Fehler der Banken-Liberalisierung aus den 1980er-Jahren ausgebügelt werden sollten.
Als die Verhandlungen im Kreise der G20-Staaten dann begannen, stellte sich schnell heraus, dass es zwischen den USA und der Europäischen Union erhebliche Meinungsverschiedenheiten über die Art und Weise einer solchen Regulierung gab. In den USA, wo die Krise entstand, war man der Auffassung, dass die Regulierung nicht dogmatisch erfolgen dürfte, damit die Banken weiterhin erfolgreiches Investmentbanking machen konnten.
Demgegenüber vertraten die europäischen Vertreter in den Verhandlungen den Standpunkt, dass die Regulierung zur Vermeidung künftiger Finanzkrisen so umfassend und so streng wie möglich sein müsste. Außerdem bestanden die Europäer auf einem gemeinsamen Regulierungswerk mit den USA, um auszuschließen, dass die europäischen Banken durch eine liberale Regulierung in den USA Bankgeschäfte an die Amerikaner verloren (Regulierungsarbitrage).
Damit waren die Verhandlungen festgefahren, und jede Seite begann, ihre Banken selbständig zu regulieren: Die Amerikaner zum Beispiel mit dem Dodd-Frank Act und der Volcker-Rule sowie mit jährlichen Stresstests der Fed. In Europa geschah demgegenüber anfangs nur wenig: „Wir können nicht zufrieden sein“, klagte deshalb Angela Merkel Anfang 2012. Bei der Regulierung der Finanzmärkte könnte die Politik nicht sagen, „dass Krisen wie 2008 nicht mehr entstehen werden“.
Der deutsche Regulierungs-Tsunami
Dann aber animierte die Bundestagswahl 2013 sowohl die SPD als auch die Union, das Versäumte schnell nachzuholen. Die SPD-Bundestagsfraktion veröffentlichte dazu rechtzeitig unter dem Titel „Ein neuer Anlauf zur Bändigung der Finanzmärkte“ ein umfängliches Positionspapier zur Bankenregulierung.
Darin hieß es: „Die Beschlüsse der Staats- und Regierungschefs der zwanzig wirtschaftlich stärksten Länder aus den Jahren 2008 und 2009 stimmten zunächst hoffnungsvoll. Kein Akteur, kein Produkt und kein Markt sollte mehr unreguliert und ohne Aufsicht bleiben und ganze Volkswirtschaften gefährden können. Darüber sind in der EU einige Schritte zur Finanzmarktregulierung und -aufsicht unternommen worden. Diese Schritte waren notwendig, aber nicht hinreichend.“
Dem konnte die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag nicht nachstehen, und sie verstärkte ebenfalls ihre Aktivitäten bei der Bankenregulierung. Das Stichwort dafür hatte Norbert Röttgen (CDU) geliefert, als er auf dem Höhepunkt der Finanzkrise die Notwendigkeit staatlichen Eingreifens damit begründete, dass „die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte ein öffentliches Gut“ darstellt. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass es ordnungspolitisch unbedenklich sei, die Finanzmärkte wie „öffentliche Einrichtungen“ staatlich zu regulieren. Dafür gab es im Deutschen Bundestag viel Beifall.
Als Ergebnis dieses Regulierungswettbewerbs verabschiedeten die europäischen und nationalen Parlamente einen unaufhaltbaren Strom von EU-Richtlinien, nationalen Gesetzen und Verordnungen, Vorschriften und Formularen, mit denen die europäische und deutsche Bankwirtschaft bombardiert wurde. Eine Abstimmung mit der US-amerikanischen Regierung fand nicht mehr statt.
In Reaktion auf diesen „Regulierungs-Tsunami“ begannen die Großbanken, entsprechend den schärferen Regeln ihre Compliance-Abteilungen auszubauen, die betrieblichen Prozesse umfassend zu dokumentieren und für die Kreditvergabe ein höheres Eigenkapital vorzuhalten. Die durch solche Maßnahmen verursachten Mehrkosten versuchten die Großbanken dadurch zu kompensieren, dass sie Filialen schlossen, Leistungen digitalisierten oder sie mit anderen gemeinsam erbrachten.
Viele Großbanken zogen sich nach der Finanzkrise auch aus Teilen des Investmentbankings zurück und schlossen Auslandsniederlassungen. Im Gegenzug konzentrierten sie sich auf das Geschäft mit reichen Privatkunden (Wealth Management), wobei sie aber übersahen, dass die Zinsen länger als erwartet sinken und in der Niedrigzinsphase mit den Einlagen der Kunden weniger verdient wird. Das hat entscheidend zum Ertragsdilemma der Großbanken beigetragen.
Gleichzeitig wurden den etablierten Banken durch den Aufstieg von Fintechs enorm viele Kunden und Geschäft genommen. Darüber hinaus etablierte sich außerhalb der Banken ein System von Schattenbanken, etwa mit Kreditfonds, Baufinanzierungsplattformen und Neobrokern – auch weil etablierte Banken solche Geschäfte nicht mehr machen wollten oder konnten.
Die amerikanischen Banken konnten sich auch nach der Finanzkrise auf den Finanzmärkten im Vergleich zu den europäischen Banken deutlich freier bewegen. Das zeigte sich schon bald an der unterschiedlichen Entwicklung der Eigenkapitalrenditen: Vor der Finanzkrise erzielten viele europäischen Banken Eigenkapitalrenditen von 15 bis 25 Prozent p.a. Nach Einführung der scharfen Regulierung waren es bei vielen Instituten über Jahre nur noch 5 bis 10 Prozent p.a.
Demgegenüber erzielten die großen US-Banken seit 2012 deutlich höhere Renditen als die meisten europäischen Banken. Beispielweise lagen die Eigenkapitalrenditen großer US-Institute wie JPMorgan Chase, Goldman Sachs oder Bank of America im Bereich von 10 bis 20 Prozent p.a. Auch die Börsenbewertungen amerikanischer Banken entwickelten sich wesentlich besser als die der europäischen Banken.
Die klugen Privatbanken
Die F.A.Z. vom 15.06.2026 veröffentlichte ein Interview mit Michael Bentlage, dem scheidenden Vorstandschef der traditionsreichen Privatbank „Hauck Aufhäuser Lampe (HAL)“, die von der holländischen ABN Amro übernommen werden soll. In diesem Gespräch ging es zentral um die Frage, was HAL seit der Finanzkrise besser gemacht hat als die Deutsche Bank und Commerzbank.
Dazu zeigte Bentlage den Interviewern einen Chart, auf dem die Bruttoertragsentwicklung der beiden Großbanken sowie die von HAL seit 2009, also seit der Finanzkrise, abgebildet sind. Die beiden Großbanken weisen darin einen Anstieg der Bruttoerträge um nicht einmal zehn Prozent auf, während HAL seine Erträge um gut 300 Prozent steigern konnte. Für diese Entwicklung nannte Bentlage mehrere Gründe:
HAL habe auch nach der Finanzkrise expandiert, weil „wir ein paar Dinge anders gemacht“ haben, sagte Bentlage. „Wir haben trotz Finanzkrise nicht verschlankt, sondern mutig investiert.“ Nach der Finanzkrise baute HAL antizyklisch das Investmentbanking aus und wurde so im Aktiengeschäft zum führenden Arrangeur von Kapitalerhöhungen und Börsengängen. Außerdem ging HAL nach Luxemburg, wo im Asset Servicing neue Kundengruppen gewonnen wurden. Auch die riskante Entscheidung, das Bankhaus Lampe zu erwerben, habe sich langfristig ausgezahlt, sagte Bentlage.
So sei es gelungen, „für HAL über die vergangenen fünfzehn Jahre eine Wachstumsgeschichte zu schreiben“, resümierte Bentlage. „In einer Zeit, in der Wettbewerber, gerade große Banken standardisierten, haben wir versucht, Kunden individuellen Service zu liefern, und damit unsere Aufgabe als Privatbank erfüllt.“
Die Verschmelzung von HAL mit ABN Amro hält Bentlage deshalb für einen „logischen Schritt“, weil es „wegen der aufwendigen nationalen Regeln sinnvoll“ ist, „dass man nicht an jedem Standort mit einer Bank mit eigener Lizenz agiert, sondern mit einer Niederlassung. So nutzt man als internationaler Bankkonzern auch das Eigenkapital effizienter.“
Fazit:
Die deutsche und europäische Politik sind bei der Bankenregulierung nach der Finanzkrise 2009 weiter gegangen, als ökonomisch notwendig war. Dadurch ist die Ertrags- und Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Banken gegenüber den Banken in den USA stark beeinträchtigt worden. Gleichzeitig hat die Wirtschaft dadurch Schaden genommen, weil expandierende und exportorientierte Unternehmen nur mit starken und flexiblen Banken wachsen können.
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