Deutschland - mit Wind und Sonne in eine ungewisse Zukunft

Datum 22.01.2026 20:02 | Thema: Klima und Energiewende

Deutschland -
mit Wind und Sonne in eine ungewisse Zukunft

Elektrizität ist kein gewöhnlicher Produktionsfaktor, sondern eine Basisinfrastruktur, ohne die modernes Wirtschaftswachstum, Innovation und Wohlstand kaum möglich sind. Eine zuverlässige Stromversorgung ermöglicht den Einsatz von Maschinen, Automatisierung und moderner Produktion. Sie senkt die Produktions- und Transaktionskosten der Unternehmen und erhöht die Standortattraktivität für Investitionen. Je besser und günstiger der Zugang zum Strom ist, desto schneller kann sich eine Volkswirtschaft technologisch weiterentwickeln. 

Vor diesem Hintergrund verdient besondere Aufmerksamkeit, was der langjährige Technologiechef des niederländischen Chipmaschinen Konzerns ASML, Martin van den Brink, zum zukünftigen Strombedarf sagte. „Der Energieverbrauch von KI wird in absehbarer Zeit an eine Grenze stoßen, die gesellschaftlich nicht mehr tragbar ist – wahrscheinlich innerhalb der nächsten zehn Jahre.“ Die weltweite Energieerzeugung habe sich in den vergangenen zwanzig Jahren zwar verdoppelt; die Entwicklung sei aber dennoch viel zu langsam, um mit dem Energiebedarf der künstlichen Intelligenz Schritt halten zu können (DIE WELT vom 19. Januar 2026). 

China wird sicher das Land sein, das sein Energieangebot ausweiten wird, um beim technologischen Wettbewerb der Großmächte vorne mitzuspielen. Sein Stromanteil am gesamten Energieverbrauch beträgt inzwischen schon 30 Prozent, während er in Deutschland bei 20 Prozent verharrt. China hat nämlich bereits erkannt: „Power is Power“, d.h. „Strom ist Macht“. Denn ein starker Stromsektor ist heute die Grundlage für eine leistungsfähige Industrie und für eine erfolgreiche Digitalisierung. 

In Deutschland gerät die Stromversorgung demgegenüber zunehmend unter Druck – aber nicht wegen fehlender Technologie, sondern vor allem aufgrund der mangelnden Kosteneffizienz: Die Kosten für das Stromsystem sind seit dem Jahr 2018 jährlich preisbereinigt um 8 Prozent gestiegen. Infolgedessen haben Industrie und Haushalte ihre Nachfrage nach Energie eingeschränkt, indem sie weniger produzieren, weniger heizen oder weniger Auto fahren. Das heißt auch: Wenn der CO2-Preis – wie politisch gewünscht – weiter steigt, wird die Industrie nicht in klimaneutrale Alternativen investieren, sondern ihre Aktivitäten reduzieren, weniger Strom nachfragen oder gleich abwandern („demand destruction“). 

Das ist auch die Erklärung, warum die Stromnachfrage in Deutschland in den letzten acht Jahren nicht mehr gewachsen, sondern deutlich gesunken ist - von ca. 647 Terrawattstunden (TWh) im Jahr 2017 auf ca. 499 TWh im Jahr 2025. Dieser Rückgang hat nur einen Grund: Mit der politisch gewollten und planwirtschaftlich umgesetzten Energiewende ist die Stromversorgung in Deutschland trotz aller Subventionen zu unsicher und zu teuer geworden. Sie hat die Wirtschaft nicht belebt, sondern gelähmt. Die wissenschaftlichen und amtlichen Aussagen zum steigenden Strombedarf waren deshalb falsch und müssen korrigiert werden. Gleichzeitig bestätigt dieser Befund die Befürchtung, dass Deutschland an technischer Führerschaft verloren hat und als Industriestandort nicht mehr attraktiv ist.  


Ein kurzer Rückblick

Bis in die Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hinein war der deutsche Strommarkt durch Gebietsmonopole der vier großen Stromerzeuger RWE, Eon, EnBW und Vattenfall geprägt. Innerhalb ihres Marktgebietes produzierten die Erzeuger den Strom in fossilen und nuklearen Großanlagen möglichst nahe beim Verbraucher, wobei die Erzeugungsanlagen und Netze technisch aufeinander abgestimmt waren. Versorgungssicherheit und Netzstabilität waren die vorrangigen Ziele. 

Diese Monopole wurden gesprengt, als die Kohlregierung den Strommarkt im Jahr 1998 im Rahmen des EU-Binnenmarktprogramms liberalisierte: Durch die Entflechtung der vertikal integrierten Stromversorger wurde der Strommarkt für neue Anbieter geöffnet, so dass die Verbraucher plötzlich die Wahl zwischen mehreren Versorgern und unterschiedlichen Tarifen hatten. Außerdem wurde eine Strombörse eingerichtet. Im Ergebnis wandelte sich der Strommarkt durch die Liberalisierung von einem Angebots- zu einem Nachfragemarkt, was sich dämpfend auf die Kosten der Stromerzeugung und damit auf den Strompreis auswirkte. 

Unmittelbar nach dieser liberalen Reform verlor Helmut Kohl die Bundestagswahl und eine rot-grüne Koalition übernahm die Regierungsgeschäfte. Zu ihren zentralen Projekten gehörte eine radikale Energiewende: Die Nutzung der Kernenergie sollte beendet werden und die fossilen Energien (Kohle, Öl und Gas) sollten durch regenerative Energien (Wind, Sonne und Biomasse) ersetzt werden. Dazu wurde mit dem „Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)“ geregelt, dass die Betreiber von Anlagen zur Erzeugung regenerativen Stroms gegenüber fossilen Energien in doppelt Hinsicht begünstigt sind: mit festen Vergütungen für 20 Jahre und einem vorrangigen Einspeisungsrecht. 

Das gesetzliche Ende für die Stromgewinnung aus der Kernenergie und die doppelte Privilegierung der erneuerbaren Energien waren tiefe Eingriffe des Staates in die freien Strommärkte und überführten sie in ein von der staatlichen Bürokratie gelenktes planwirtschaftliche System. Der bis dahin geltende einheitliche Strommarkt für alle Energieträger wurde aufgegeben: Die atomaren und fossilen Energien durften zwar im alten System weiterarbeiteten, wurden dann aber zunehmend von den regenerativen Energien auf Grund des vorrangigen Einspeisungsrechtes aus dem Markt gedrängt. Regierungsamtlich wurde zwar gesagt, dass die Privilegien nur so lange gelten sollten, bis der regenerative Strom “den Weg in den Strommarkt findet“. Doch wie ein solches „Marktdesign“ für alle Stromerzeuger aussehen sollte, blieb ein streng gehütetes Geheimnis der Grünen und ihrer Anhänger. 

Auf dem politischen Weg zur ökologischen Energiewende übernahm Angela Merkel (CDU) die Vorarbeiten der rot-grünen Koalition und entwickelte sie in ihrer Regierungszeit konsequent weiter. Nach dem Atomunfall in Fukushima wurden die Restlaufzeiten für die Atomkraftwerke stark gekürzt. In ihrer letzten Legislaturperiode dirigierte sie auch den schnellen Ausstieg aus der Kohle. Außerdem wurde mit dem Klimaschutzgesetz der beschleunigte Bau von Solar- und Windparks beschlossen, um den Anteil erneuerbarer Energien auf 65 Prozent zu erhöhen. Mit einem weiteren Gesetz für die Sektoren Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft, Industrie und Energie wurden darüberhinaus verbindliche "CO2-Emissionsmengen" festgesetzt. 

Schweres Erbe für die Nachfolgerin

In der seit 2025 im Amt befindlichen neuen Bundesregierung ist Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für die Energiepolitik verantwortlich. Der für sie verbindliche Koalitionsvertrag, der zwischen der CDU/CSU und der SPD ausgehandelt wurde, sieht nicht vor, dass die Energiewende rückgängig gemacht werden soll. Ihre ausdrückliche Aufgabe ist es vielmehr, dieses Projekt zum Erfolg zu führen. So heißt es im Koalitionsvertrag: 

„Wir (die Bundesregierung) wollen die Energiewende transparent, planbar und pragmatisch zum Erfolg machen. Wir wollen alle Potenziale der Erneuerbaren Energien nutzen. Dazu gehören Sonnen- und Windenergie sowie Bioenergie. Wir werden ein Monitoring in Auftrag geben, mit dem bis zur Sommerpause 2025 der zu erwartende Strombedarf sowie der Stand der Versorgungssicherheit, des Netzausbaus, des Ausbau der Erneuerbaren Energien als eine Grundlage der weiteren Arbeit überprüft werden. Wir stehen für eine konsequente Ausrichtung aller Bereiche auf Bezahlbarkeit, Kosteneffizienz und Versorgungssicherheit.“

Dieser Teil des Koalitionsvertrages liest sich wie ein „Pflichtenheft“ für die neue Wirtschaftsministerin mit konkreten Anweisungen: „Wir werden durch schnellstmögliche technologieoffene Ausschreibungen verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen in ausreichend gesicherte Leistung und Versorgungssicherheit schaffen. Den Bau von bis zu 20 GW an Gaskraftwerksleistung bis 2030 wollen wir im Rahmen einer zügig zu überarbeitenden Kraftwerksstrategie technologieoffen anreizen. Die neuen Gaskraftwerke sollen deutschlandweit vorrangig an bestehenden Kraftwerksstandorten entstehen und regional nach Bedarfen gesteuert werden. …Ein größeres Energieangebot dient der Stabilisierung und Reduzierung der Stromkosten. Dazu sollen künftig Reservekraftwerke nicht nur zur Vermeidung von Versorgungsengpässen, sondern auch zur Stabilisierung des Strompreises zum Einsatz kommen.“

Die derzeitige Bundesregierung bringt hier zum Ausdruck, dass sie den Bau weiterer Gaskraftwerke aus zwei Gründen für notwendig hält: Erstens zur Sicherung eines realistischen Strombedarfs und zweitens zur Vermeidung von Versorgungsengpässen in Zeiten mit wenig Wind und/oder Sonne. Die Vorgänger-Regierung mit Robert Habeck als Wirtschafts- und Klimaminister war demgegenüber davon ausgegangen, dass der Stromverbrauch in Deutschland schon wegen des Klimaziels bis 2030 um rund ein Drittel auf 750 Terawattstunden im Jahr steigen müsste. Daraus wurde ein enormer Ausbaubedarf für Erneuerbare Energien und Stromnetze abgeleitet, der schon auf Grund eines tatsächlichen Verbrauchs von 501 Terrawattstunden nicht mehr zu rechtfertigen ist. 

Dabei geht es um Investitionen im Billionenbereich: für Windparks, Energienetze, Batteriespeicher etc. Die Kosten dafür tragen die Bürger, teils über ihre Stromrechnungen, teils über Steuern und Schulden. Wirtschaftsministerin Reiche setzt dem das Kostenargument entgegen: „Die Energiewende alter Prägung kommt jetzt an ihre Grenzen,“ sagte sie. „Die Kosten müssen insgesamt runter“. 

Realistische Energiepolitik

Im Herbst 2025 stellte Bundesministerin Katherina Reiche den von zwei wissenschaftlichen Instituten erarbeiteten Monitoringbericht mit Vorschlägen für zehn „wirtschafts- und wettbewerbsfreundliche Schlüsselmaßnahmen“ vor. 

Darin wird ein Strombedarf für das Jahr 2030 – in verschiedenen Studien in Form von Bandbreiten hinterlegt – in einer Größenordnung von 600 bis 700 TWh angenommen. Dabei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Strombedarf eher am unteren Ende liegen wird. Das bedeutet nach dem Monitoringbericht, dass es „bei der Offshore-Kapazität, bei Offshore-Netzanbindungen und Hochspannungs-Gleichstrom-Trassen auf ihrem weiteren Weg bis 2045“ Anpassungen geben muss. 

Außerdem ist zusätzlich der Bedarf an steuerbaren Gaskraftwerken zu bestimmen, die einspringen, wenn es zu wenig Wind oder Sonne gibt. Nach Berechnungen der Bundesnetzagentur sind das 35,5 Gigawatt. Rein rechnerisch lässt sich die Versorgungssicherheit also nur garantieren, wenn Deutschland innerhalb der nächsten zehn Jahre 71 Gaskraftwerke der großen 500-Megawattklasse errichten lässt. Gaskraftwerke dieser Größe kosten im Schnitt rund 600 bis 800 Millionen Euro pro Stück (Daniel Wetzel in DIE WELT vom 5. September 2025). 

Das Problem ist allerdings, dass sich solche Ersatzkraftwerke wegen der kurzen Laufzeiten nicht rentieren und vom Staat subventioniert werden müssen. Und um das machen zu können, benötigt die Bundesregierung die Genehmigung der EU-Kommission. Katharina Reiche zeigte sich anfangs optimistisch, wenigsten einen Teil der sog. Back-up-Kapazitäten subventionieren zu dürfen. 20 Gigawatt war das politische Planziel aus dem Koalitionsvertrag. Die Genehmigungsverhandlungen mit der EU-Kommission endeten dann aber nur mit 12 Gigawatt.

Für die benötigte Versorgungssicherheit sind die genehmigten 12 Gigawatt keineswegs ausreichend. In der Branche wurde dieses Ergebnis aber begrüßt. „Wichtig ist, dass wir jetzt endlich einmal anfangen und nicht weiter davon träumen, dass wir 20 Gigawatt auf einmal schaffen“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Netzbetreibers Amprion. 

Öffentliche Kritik

Obgleich Reiche die Politik ihres Vorgängers Robert Habeck (Grüner) grundsätzlich weiterführt, wurde sie für ihre Energiepolitik von Klima-Schutzgruppen und Grünen-Politikern scharf angegriffen. „Eine Politik, die auf gigantische Mengen an fossilen Gaskraftwerken setzt, ohne den Weg in Richtung Wasserstoff zu gehen, verbrennt unsere Zukunft und schadet der Wirtschaft in Deutschland“, erklärte die grüne Abgeordnete Katherina Dröge im Bundestag. Gegen „die Geisterfahrt von Frau Reiche“ kündigten die Grünen „einen Herbst des Klimawiderstandes“ an.

Die Kritik der Grünen und Klimavereine beruht auf dem Glauben, dass sich die Flatterhaftigkeit des Wind- und Solarstroms durch den Einsatz von Batteriespeichern und einer flexibilisierten Stromnachfrage bewältigen ließe. Dass die Bundesnetzagentur eine solche Lösung als unrealistisch bezeichnet hat, wird nicht zur Kenntnis genommen. 

Kritik kommt aber auch aus dem Lager der CDU: Schon einen Tag, nachdem Katherina Reiche erste Grundzüge ihrer neuen Energiepolitik skizzierte, formierte sich der Widerstand in der eigenen Partei, angeführt vom schleswig-holsteinischen Ministerpräsident Daniel Günther. Bei der Eröffnung der Messe „Husum Wind 25“ wandte er sich in seiner Eröffnungsrede gegen die Vorschläge, die Reiche in ihrem „10-Punkte-Plan“ gemacht hatte. Günther sieht darin offenbar einen Angriff auf den weiteren Ausbau der in seinem Land bereits massiv konzentrierten Windkraft. „Wir setzen sehr darauf, dass nicht diejenigen, die mutig voranschreiten, mit höheren Kosten belastet werden“, erklärte Günther unter viel Applaus. „Dem werden wir in Schleswig-Holstein einen Riegel vorschieben, meine Damen und Herren.“

Doch schon mit seinen rund 3.500 Windkraftanlagen hat Schleswig-Holstein den eigenen Strombedarf zu 170 Prozent gedeckt. Gleichwohl strebt das nördlichste Bundesland an, weitere Flächen als Eignungsgebiet für Windkraft auszuweisen, um die Überproduktion weiter zu steigern. 

Solche Absichten widersprechen dem Koalitionsvertrag, in dem sich CDU/CSU und SPD darauf geeinigt haben, die gesamte Energiewende einem Kosten-Check zu unterziehen und effizienter zu gestalten. Eine geografisch bessere Verteilung von Windstromkapazitäten gehört an zentraler Stelle dazu. „Mit einer Weiterentwicklung der Instrumente für die räumliche Streuung des Ausbaus von Erneuerbare-Energien-Anlagen und Speichern kann der Anschluss der Anlagen beschleunigt, die nutzbare Einspeisung erhöht und der Netzausbau bedarfsgerecht optimiert werden“, heißt es in dem Zehn-Punkte-Plan Reiches. 

Es ist zu hoffen, dass sich Katharina Reiche mit dieser Begründung gegen die Interessenpolitik von Daniel Günther durchsetzen kann!  





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