Was die CDU von Schweden lernen kann

Datum 16.09.2026 01:09 | Thema: Europäische Krisen

Was die CDU von Schweden lernen kann

Der Aufstieg der Schwedendemokraten, die Krise der konservativen Volksparteien – und eine Strategie gegen den politischen Bedeutungsverlust

Es gibt Entwicklungen im europäischen Parteiensystem, die für Deutschland wie ein Blick in die Zukunft wirken. Der Aufstieg der zum konservativen Spektrum gehörenden Schwedendemokraten (SD) gehört dazu.

Über viele Jahre galt Schweden als Musterland des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates, des gesellschaftlichen Liberalismus und einer besonders offenen Migrationspolitik. Rechte Parteien spielten im politischen System lange Zeit nur eine marginale Rolle. Wer noch vor zwanzig Jahren vorausgesagte, dass die Schwedendemokraten einmal stärkste Partei des konservativ-bürgerlichen Lagers werden könnten und dass eine schwedische Regierung auf ihre parlamentarische Unterstützung angewiesen sein würde, wäre vermutlich nicht ernst genommen worden.

Das politische System in Schweden hat sich jedoch inzwischen grundlegend geändert. Bei der jüngsten Wahl zum schwedischen Reichstag am 13. September 2026 blieben die Sozialdemokraten zwar stärkste Partei, sie erzielten jedoch ihr schlechtestes Wahlergebnis seit mehr als einem Jahrhundert. Demgegenüber schnitten die bürgerlich-konservativen Parteien besser ab, als zuletzt in den Umfragen erwartet wurde, allerdings mit Ausnahme der Schwedendemokraten (SD), die erstmals einen Verlust erlitten:  

Sozialdemokraten                              28,1 % (-2,3)

Moderate                                           19,9 % (+0,8)

Schwedendemokraten                     17,6 % (-3,0)

Linkspartei                                         8,2 % (+1,5)

Zentrumspartei                                  7,1 % (+0,3)

Christdemokraten                             6,2 % (+0,9)

Grüne                                               6,1 % (+1,0)

Liberale                                            5,4 % (+0,8)

Das Rennen zwischen den politischen Lagern bleibt äußerst knapp. Nach dem vorläufigen Ergebnis verfügt der rot-grüne Block mit 176 Mandaten über eine äußerst knappe Mehrheit gegenüber 173 Mandaten des bürgerlich-konservativen Blocks einschließlich der Schwedendemokraten. Ohne die Schwedendemokraten ist eine bürgerlich-konservative Regierungsbildung nicht möglich. Damit rückt die Frage der Regierungsbildung in den Vordergrund.

Schon deshalb lohnt sich für die CDU und CSU der Blick nach Stockholm. Denn die Entwicklung der Schwedendemokraten (SD) und der AfD weist eine bemerkenswerte strukturelle Ähnlichkeit auf: Mit diesen Parteien entstand rechts von den traditionellen konservativen Volksparteien eine neue politische Kraft, die zunächst unterschätzt, dann ausgegrenzt und schließlich zu einem zentralen Faktor des Parteiensystems wurde. Besonders lehrreich ist Schweden für die CDU/CSU, weil das dortige bürgerliche Lager vor einer ähnlichen strategischen Entscheidung stand wie die Union heute: Soll man die Rechten ignorieren, ausgrenzen, programmatisch übernehmen oder mit ihnen zusammenarbeiten.


1. Der Aufstieg beginnt mit einer Repräsentationslücke

Der Erfolg der Schwedendemokraten kam nicht plötzlich. Er war das Ergebnis eines langen politischen Prozesses, wobei der Aufstieg der Schwedendemokraten und der AfD ein ähnliches Muster aufweist:

  • zunächst Protestpartei,
  • dann Mobilisierung über ein bestimmtes Kernthema,  
  • anschließend Ausweitung auf Migration, innere Sicherheit, nationale Identität und EU,
  • schließlich Eindringen in die früheren Wählerschichten der konservativen Volksparteien.

Der entscheidende gemeinsame Punkt ist: Schwedendemokraten und AfD sind nicht einfach deshalb groß geworden, weil plötzlich mehr Menschen "radikal rechts" wurden. Sie haben politische Repräsentationslücken besetzt.

Bei den Schwedendemokraten waren das zunächst vor allem Migration und nationale Identität, später auch Bandenkriminalität, Integration und innere Sicherheit. Bei der AfD kamen Euro-/EU-Kritik, Migration, Energie- und Klimapolitik und nun auch eine generelle Kritik am politischen Establishment hinzu.

Der Aufstieg der Schwedendemokraten im Verhältnis zum Abstieg der Moderaten ist geradezu ein Lehrbuchfall:

               Wahl                                 Schwedendemokraten                  Moderate

              2006                                            2,9 %                                    ca. 26%

             2010                                             5,7 %                                    ca. 30%

             2014                                          12,9 %                                      ca. 23%

            2018                                           17,5 %                                      ca. 20 %

            2022                                           20,5 %                                         19,1 %

            2026                                           17,5 %                                         19,9 %

 

Zunächst waren die Schwedendemokraten eine kleine Partei am Rande des politischen Systems. Dann gelang ihnen der Einzug ins Parlament und danach folgte ein nahezu kontinuierlicher Aufstieg, der erst 2026 endete.

Mit jedem Wahlerfolg wurde deutlicher, dass es sich hierbei nicht um eine vorübergehende Protesterscheinung handelte. Die Partei hatten politische Felder besetzt, die von den etablierten Parteien über lange Zeit entweder unterschätzt oder bewusst gemieden worden waren: Migration, Integration, nationale Identität und später zunehmend die innere Sicherheit.

Die entscheidende politische Entwicklung bestand nicht darin, dass plötzlich eine große Zahl von Schweden radikaler geworden war. Vielmehr war eine wachsende Diskrepanz zwischen den Erfahrungen vieler Bürger und dem politischen Selbstverständnis der etablierten Parteien entstanden.

Während große Teile des politischen Establishments lange Zeit auf Offenheit, Multikulturalismus und eine liberale Einwanderungspolitik setzten, wuchsen gleichzeitig die Probleme auf Grund einer unzureichenden Integration und   wachsender Segregation. Außerdem veränderten Parallelgesellschaften und eine dramatische Entwicklung der Bandenkriminalität die politische Realität.

Die Schwedendemokraten konnten sagen: Wir haben vor diesen Problemen gewarnt, während die anderen Parteien die Probleme nicht sehen wollten. Das war der Kern ihres Erfolgs. Genau hier beginnt die Parallele zur AfD.

Auch die AfD entstand nicht deshalb, weil ein bestimmter Teil der Bevölkerung über Nacht seine politischen Überzeugungen grundlegend veränderte. Sie entstand vielmehr aus einer Repräsentationslücke. Zunächst war es die Euro- und Rettungspolitik. Dann kam die Migrationspolitik. Später folgten die Energiepolitik, die Klimapolitik, die Corona-Politik und zunehmend eine grundsätzliche Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Eliten.

Die Themen wechselten. Das Grundmuster aber blieb. Immer wieder entstand bei einem Teil der Wähler der Eindruck: Unsere politischen Probleme werden nicht gelöst, sondern moralisch kommentiert. Genau an diesem Punkt beginnt der Aufstieg einer Protestpartei.

2. Die gefährlichste Reaktion einer Volkspartei: moralische Abgrenzung statt politischer Konkurrenz

Eine etablierte Partei hat zwei Möglichkeiten, auf eine konkurrierende Politik zu antworten: Sie kann sagen: „Diese Partei liegt politisch falsch. Deshalb erklären wir den Wählern, warum unsere Lösungen besser sind.“ Oder sie kann sagen: „Diese Partei und ihre Wähler stehen außerhalb dessen, worüber wir überhaupt politisch sprechen wollen.“ Die zweite Strategie ist kurzfristig oft bequemer und erlaubt es, die Auseinandersetzung zu moralisieren und sich darauf auszuruhen.

Man muss dann nicht mehr jede einzelne Kritik ernsthaft beantworten. Man kann den politischen Gegner stattdessen als „Populisten“, „Extremisten“ oder „Gefahr für die Demokratie“ definieren und sich selbst dadurch als Verteidiger des demokratischen Normalzustandes darstellen.

Das Problem besteht jedoch darin, dass eine solche Strategie die Wähler der neuen Partei nicht überzeugt und von der Wahlurne fernhält, sondern sie im Gegenteil motiviert, die neue Partei zu wählen. Wenn Millionen Bürger eine bestimmte Partei wählen wollen, dann haben diese Menschen Motive. Diese Motive können falsch, übertrieben oder von der Partei instrumentalisiert sein. Aber sie existieren.

Eine Volkspartei, die diese Motive nicht ernst nimmt, verzichtet freiwillig darauf, diese Wähler zurückzugewinnen. Genau darin lag die entscheidende strategische Wende der schwedischen Partei der Moderaten: Sie Sie hatte verstanden, dass sie die Schwedendemokraten nicht dadurch schwächen konnte, dass sie deren Themen dauerhaft ignorierten. Sie musste selbst wieder Antworten geben. Nicht dieselben Antworten. Aber Antworten. Das war der entscheidende Unterschied.

Die Moderaten wurden dadurch nicht zu Schwedendemokraten. Sie blieben eine bürgerlich-konservative Partei mit einer grundsätzlich marktwirtschaftlichen, europafreundlichen und westlich orientierten Grundhaltung. Aber sie akzeptierten, dass Migration, Integration und innere Sicherheit legitime politische Konfliktfelder waren.

Damit änderte sich die politische Debatte. Die Frage lautete nicht mehr: „Darf man über Migration und ihre Folgen überhaupt kritisch sprechen?“ Sondern: „Welche Politik löst die Probleme besser?“ Das war ein fundamentaler Unterschied.

3. Die Normalisierung des Problems bedeutet nicht die Übernahme der Ideologie

Hier liegt möglicherweise die wichtigste Lehre für die CDU: Eine konservative Partei muss nicht jede Position einer rechten Konkurrenzpartei übernehmen, um ihre Wähler zurückzugewinnen. Im Gegenteil. Wer lediglich kopiert, bestätigt am Ende die politische Originalität des Konkurrenten.

Die eigentliche Aufgabe besteht der CDU/CSU besteht deshalb darin, wieder eine eigenständige konservative Antwort auf die Fragen zu geben, die heute viele Bürger bewegen. Das betrifft vor allem die Migrationspolitik, zu der sie zwei Dinge gleichzeitig sagen könnte:

Deutschland ist ein Einwanderungsland, aber nicht jeder, der nach Deutschland kommen möchte, hat einen Anspruch darauf, dauerhaft hier zu bleiben. Humanität und Ordnung sind keine Gegensätze. Asyl bedeutet Schutz für tatsächlich Verfolgte, nicht die dauerhafte Ersetzung einer fehlenden Steuerung der Migration. Integration bedeutet Aufnahme in eine Gesellschaft – nicht die Auflösung dieser Gesellschaft.

Eine solche Position wäre weder extrem noch populistisch. Sie war über Jahrzehnte Bestandteil einer selbstverständlichen konservativen Politik. Ähnliches gilt für die innere Sicherheit.

Wenn Bürger erleben, dass bestimmte Stadtviertel unsicherer werden, dass organisierte Kriminalität wächst oder dass der Staat seine Regeln nicht konsequent durchsetzt, dann hilft es nicht, diese Sorgen als Ausdruck eines „rechten Diskurses“ zu behandeln.

Denn die Aufgabe des Staates besteht darin, Sicherheit zu gewährleisten. Wer dieses Bedürfnis nicht ernst nimmt, überlässt das Thema anderen. Das schwedische Beispiel zeigt, was dann geschieht: Ein Problem, das über Jahre verdrängt wird, verschwindet nicht. Es wird nur größer. Und mit dem Problem wächst die Partei, die behaupten kann, sie habe das Problem früher erkannt.

4. Die Moderaten gingen noch einen Schritt weiter

Der eigentliche strategische Bruch erfolgte in Schweden erst, als die Moderaten ihre bisherige Haltung gegenüber den Schwedendemokraten grundsätzlich veränderten.

Lange Zeit bestand auch dort eine Art politischer Abgrenzung. Dann aber kam die Erkenntnis: Eine stabile bürgerliche Mehrheit war ohne die Wähler und Stimmen der Schwedendemokraten kaum noch möglich.

Das führte zur Zusammenarbeit im Rahmen des sogenannten Tidö-Abkommens. Die Schwedendemokraten wurden damit nicht einfach Teil der Regierung. Aber sie wurden in die politische Mehrheitsbildung einbezogen und erhielten erheblichen Einfluss auf die politische Agenda.

Das war ein politisches Experiment. Die Moderaten versuchten damit eine schwierige Balance: Sie wollten die Wähler der Schwedendemokraten nicht länger ignorieren, zugleich aber verhindern, dass die gesamte politische Führung des bürgerlichen Lagers zur rechten Konkurrenz wechselte.

Das Ergebnis war ambivalent. Einerseits blieben die Schwedendemokraten eine starke politische Kraft. Andererseits verloren sie einen Teil jener Sonderstellung, die Protestparteien besonders attraktiv macht: Denn eine Partei, die Einfluss auf politische Entscheidungen besitzt, kann nicht dauerhaft behaupten, sie habe mit den Ergebnissen nichts zu tun.

Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen Protest und Verantwortung. Eine Partei kann jahrelang sagen: „Alle anderen haben versagt.“ Sobald sie aber selbst an politischen Entscheidungen beteiligt ist, lautet die Frage: „Und was haben Sie besser gemacht?“ Damit beginnt der Normalisierungsprozess einer Protestpartei. Die Mitverantwortung kann eine Partei stärken. Es kann sie aber auch entzaubern.

5. Die deutsche Brandmauer und das strategische Dilemma der CDU

Hier endet allerdings die einfache Übertragbarkeit des schwedischen Modells. Deutschland ist nicht Schweden.

Die politische Geschichte der AfD unterscheidet sich von derjenigen der Schwedendemokraten. Auch die innerparteilichen Strukturen und die politischen Radikalisierungstendenzen sind unterschiedlich. Eine einfache Übernahme des Tidö-Modells wäre deshalb für die CDU weder realistisch noch ohne Risiko.

Aber daraus folgt nicht, dass die gegenwärtige Strategie alternativlos ist. Die CDU hat sich mit der sogenannten Brandmauer in ein strategisches Dilemma manövriert: Einerseits will sie ihre früheren Wähler von der AfD zurückholen. Und andererseits erklärt sie eine Zusammenarbeit mit dieser Partei grundsätzlich für ausgeschlossen. Das ist zunächst eine legitime politische Entscheidung. Diese wird aber dann problematisch, wenn aus der Ab- und Ausgrenzung eine Ersatzpolitik wird.

Eine Partei gewinnt keine Wähler zurück, indem sie ihnen lediglich sagt: „Ihr habt falsch gewählt.“ Sie muss ihnen erklären: „Wir haben verstanden, warum ihr unzufrieden seid – und wir können die Probleme besser lösen.“ Genau das ist der Unterschied zwischen einer Brandmauer und einer politischen Strategie.

Eine Brandmauer kann eine Grenze definieren. Aber sie kann keine Partei erneuern. Sie kann keine neue wirtschaftspolitische Idee entwickeln. Sie kann keine Energiepolitik ersetzen. Sie kann keine Migration steuern. Sie kann keine Industriearbeitsplätze sichern. Und sie kann keine konservative Volkspartei wieder zu einer politischen Heimat für jene Wähler machen, die sich von ihr abgewendet haben.

6. Die eigentliche Gefahr für die CDU ist nicht die AfD – sondern der Verlust ihres eigenen politischen Profils

Die Union sollte sich deshalb eine unbequeme Frage stellen: Warum sind so viele frühere CDU- und CSU-Wähler überhaupt bereit, eine Partei rechts von der Union zu wählen?

Die Antwort kann nicht allein in der Annahme bestehen, dass diese Menschen plötzlich radikaler geworden sind. Denn ein erheblicher Teil der AfD-Wähler stammt aus dem früheren Wählerreservoir der Union. Das bedeutet: Die AfD hat nicht nur neue Wähler mobilisiert.

Sie hat auch politische Räume besetzt, die früher von der CDU und CSU vertreten wurden. Dazu gehören: die Skepsis gegenüber einer übermäßigen Zentralisierung Europas, die Betonung nationaler Interessen innerhalb der europäischen Zusammenarbeit, eine stärker kontrollierte Migrationspolitik, die Forderung nach innerer Sicherheit, eine kritischere Haltung gegenüber bestimmten Formen der Klima- und Energiepolitik, die Verteidigung industrieller Arbeitsplätze, die Betonung von Leistung und Eigenverantwortung, und nicht zuletzt der Wunsch nach einer politischen Sprache, die Probleme klar benennt.

Das führt zu einer paradoxen Situation: Je stärker die CDU versucht, sich von der AfD zu unterscheiden, indem sie bestimmte Themen meidet, desto mehr überlässt sie diese Themen der AfD. Und je stärker die AfD diese Themen monopolisiert, desto schwieriger wird es für die CDU, verlorene Wähler zurückzugewinnen.

7. Eine konservative Rückeroberungsstrategie

Die CDU braucht deshalb keine Strategie der Anpassung an die AfD. Sie braucht vielmehr eine Strategie der politischen Rückeroberung.

Diese Strategie müsste auf den folgenden Grundsätzen beruhen.

1. Probleme benennen, bevor sie explodieren

Eine konservative Partei darf Probleme nicht deshalb ignorieren, weil die falschen politischen Kräfte auf sie aufmerksam machen. Ein Problem verschwindet nicht dadurch, dass die AfD darüber spricht. Migration, Integration, Energiepreise, wirtschaftliche Stagnation oder innere Sicherheit müssen nach ihrer tatsächlichen Bedeutung beurteilt werden – nicht danach, wer sie zuerst politisch thematisiert hat.

2. Migration wieder als Frage staatlicher Steuerungsfähigkeit behandeln

Deutschland braucht eine klare Unterscheidung zwischen Asyl, qualifizierter Einwanderung und irregulärer Migration. Eine funktionierende Gesellschaft kann Migration nicht ausschließlich nach moralischen Absichten organisieren. Sie braucht Regeln, Grenzen und die Fähigkeit, diese Regeln durchzusetzen. Das ist keine „rechte“ Position. Das ist die Voraussetzung eines funktionsfähigen Staates.

3. Sicherheit wieder zum Kern konservativer Politik machen

Der Staat darf gegenüber Kriminalität, Clans, Extremismus und rechtsfreien Räumen nicht den Eindruck von Schwäche vermitteln. Ein Rechtsstaat, der seine eigenen Regeln nicht durchsetzen kann, verliert seine Autorität. Die CDU muss deshalb wieder die Partei werden, bei der die Bürger selbstverständlich davon ausgehen: Mit dieser Partei wird der Staat nicht schwächer, sondern handlungsfähiger.

4. Die Energiepolitik vom ideologischen Tunnel befreien 

Die Union hat in den vergangenen Jahren selbst zu einer Energiepolitik beigetragen, deren Folgen sie heute kritisiert. Eine neue konservative Energiepolitik muss deshalb technologieoffen sein. Sie muss Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz miteinander verbinden. Deutschland darf seine industrielle Grundlage nicht einer Politik opfern, die sich an symbolischen Zielmarken orientiert, während andere große Wirtschaftsräume gleichzeitig auf fossile Energien, Kernenergie oder neue Technologien setzen.

Die zentrale Frage muss deshalb wieder lauten: Wie sichern wir dauerhaft eine leistungsfähige Industriegesellschaft?

5. Die soziale Marktwirtschaft wieder gegen einen übermächtigen Staat verteidigen

Viele Bürger empfinden heute nicht mehr den Markt, sondern den Staat als zunehmende Belastung: Steuern, Abgaben, Bürokratie, Regulierung und politische Eingriffe haben ein Ausmaß erreicht, das die wirtschaftliche Dynamik Deutschlands gefährdet.

Die CDU darf deshalb nicht nur über Wachstum reden. Sie muss vielmehr konkret erklären, welche Regeln, Vorschriften und Belastungen sie abbauen will. Die soziale Marktwirtschaft war nie ein Programm für einen immer stärker steuernden Staat. Sie beruhte auf Freiheit, Wettbewerb, Eigentum und Verantwortung. Daran sollte die Union in erster Linie wieder anknüpfen.

6. Europa bejahen, ohne Zentralismus zu verherrlichen

Die Alternative lautet nicht: Brüssel oder Berlin. Die Alternative lautet: ein Europa der starken Demokratien und wettbewerbsfähigen Nationalstaaten oder ein zunehmend zentralisiertes System, das immer mehr politische Entscheidungen von den Bürgern fernhält.

Die CDU sollte Europa nicht den Nationalkonservativen überlassen. Aber sie sollte auch nicht jeden weiteren Kompetenztransfer nach Brüssel automatisch als Fortschritt behandeln. Gerade eine christdemokratische Partei müsste sich an das Subsidiaritätsprinzip erinnern. Europa muss dort stark sein, wo die Nationalstaaten allein zu schwach sind. Aber Europa muss nicht alles regeln, was nationale Parlamente und Gesellschaften selbst entscheiden können.

7. Eine eigene Sprache zurückgewinnen

Vielleicht liegt hier das wichtigste Problem. Viele Bürger haben den Eindruck, dass Politik heute häufig nicht mehr über Wirklichkeit spricht, sondern über die richtige Sprache, mit der Wirklichkeit beschrieben werden darf.

Eine konservative Partei muss aber wieder in der Lage sein, klar zu sprechen. Ohne Menschen herabzusetzen. Ohne Ressentiments. Aber auch ohne politische Euphemismen.

Wenn Integration scheitert, muss man von gescheiterter Integration auch sprechen können. Wenn die Energiepolitik Arbeitsplätze gefährdet, dann muss man das sagen. Wenn staatliche Ausgaben nicht mehr finanzierbar sind, muss man über Einschnitte sprechen. Wenn Europa Kompetenzen an sich zieht, muss man fragen dürfen, ob das sinnvoll ist.

Eine Demokratie braucht politische Konflikte. Sie wird aber nicht dadurch stärker, dass bestimmte Fragen aus dem legitimen Diskurs ausgeschlossen werden.

Fazit: Die CDU muss nicht nach rechts rücken – sie muss wieder bei sich selbst ankommen

Das schwedische Beispiel zeigt nicht, dass Deutschland einfach den Weg der Moderaten kopieren sollte. Es zeigt etwas Grundsätzlicheres.

Eine konservative Volkspartei verliert ihre Wähler nicht zwangsläufig deshalb, weil rechts von ihr eine neue Partei entsteht. Sie verliert sie vor allem dann dauerhaft, wenn sie nicht mehr weiß, warum diese Wähler sie ursprünglich einmal gewählt haben.

Die schwedischen Moderaten haben erkannt, dass man die Schwedendemokraten nicht dadurch bekämpfen kann, dass man ihre Wähler ignoriert. Sie mussten auf den politischen Feldern wieder konkurrenzfähig werden, auf denen die rechte Konkurrenz erfolgreich geworden war. Das ist auch die entscheidende strategische Aufgabe der CDU.

Nicht die AfD kopieren. Nicht ihre Wähler beschimpfen. Nicht jede politische Frage durch die Brille der „Brandmauer“ betrachten. Sondern eine eigene, glaubwürdige Antwort geben.

Die CDU muss den Bürgern sagen können: Ja, der Staat muss Migration kontrollieren. Ja, Deutschland braucht Sicherheit. Ja, Industrie und Wohlstand brauchen bezahlbare Energie. Ja, Leistung muss sich wieder stärker lohnen. Ja, Europa braucht Grenzen für seine eigene Macht. Ja, eine offene Gesellschaft braucht auch eine gemeinsame politische und kulturelle Ordnung.

Die CDU kann die AfD nicht dadurch besiegen, dass sie deren Existenz ignoriert oder ausschließlich moralisch bekämpft. Sie kann sie nur dann dauerhaft schwächen, wenn sie wieder für diejenigen Wähler attraktiv wird, die früher einmal CDU gewählt haben und heute überzeugt sind, dass ihre politischen Interessen dort nicht mehr vertreten werden.

Die eigentliche Aufgabe lautet deshalb nicht: Wie halten wir die AfD von der CDU fern? Sondern: Wie machen wir die CDU wieder so stark, dass ein erheblicher Teil ihrer heutigen Wähler gar keinen Grund mehr sieht, zur AfD zu wechseln?

Das wäre keine Strategie der Anpassung. Es wäre eine Strategie der Rückeroberung. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied zwischen einer konservativen Volkspartei, die ihre politische Stellung nur noch verteidigt, und einer konservativen Volkspartei, die wieder den Anspruch erhebt, das Land zu führen.





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