Kapitalismus in Varianten!
Der Wirtschaftsforscher Branco Milanovic war über Jahrzehnte Chefökonom der Weltbank und zählt zu den renommiertesten Experten für globale Ungleichheit und die Dynamiken der Globalisierung. In seinem Buch „Capitalism, Alone“ analysiert der 72-Jährige den Aufstieg Asiens und erklärt, warum der Kapitalismus den globalen Systemwettbewerb gewonnen hat. Dieser Essay beschreibt den Grundgedanken von Milanovic und erweitert seine Analyse um den sozialstaatlich eingebetteten Kapitalismus in Europa.
Als Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vom „Ende der Geschichte“ sprach, schien die Sache zunächst einfach: Der liberale Kapitalismus hatte den Systemwettbewerb gewonnen. Die Sowjetunion war zerfallen, China hatte sich wirtschaftlich geöffnet und selbst die meisten ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas orientierten sich an Marktwirtschaft und Privateigentum.
Branko Milanovic zieht daraus jedoch einen anderen Schluss als Fukuyama. Für ihn ist zwar der Kapitalismus tatsächlich weltweit zur dominierenden Wirtschaftsordnung geworden, aber daraus folgt für ihn keineswegs der weltweite Sieg der liberalen Demokratie. Genau darin liegt die eigentliche Provokation seines Buches.
Milanovic unterscheidet vor allem zwei politische Ausprägungen des Kapitalismus: den liberal-meritokratischen Kapitalismus des Westens und den politischen Kapitalismus, für den China das wichtigste Beispiel ist.
Bei genauerer Betrachtung fehlt in dieser Zweiteilung jedoch eine weitere Variante: der in einen Sozialstaat eingebettete europäische Kapitalismus. Er ist weder mit dem amerikanischen liberalen Kapitalismus noch mit dem chinesischen politischen Kapitalismus gleichzusetzen. Europa versucht vielmehr, Marktwirtschaft, Privateigentum und Wettbewerb mit einem weitreichenden Sozialstaat, Arbeitnehmerrechten und öffentlicher Daseinsvorsorge zu verbinden.
Damit entsteht eine interessante Erweiterung von Milanovic Modell: Heute konkurrieren nicht zwei, sondern mindestens drei institutionell unterschiedliche Formen des Kapitalismus miteinander.
1. Warum der Kapitalismus Milanovic zufolge gesiegt hat
Milanović beginnt mit einer vergleichsweise nüchternen Feststellung: Der Kapitalismus hat seine Konkurrenten nicht deshalb überlebt, weil er moralisch überlegen wäre, sondern weil er sich als besonders leistungsfähig erwiesen hat.
Seine Stärke besteht zunächst in seiner Fähigkeit, wirtschaftliche Ressourcen dezentral zu koordinieren. Private Unternehmen investieren dort, wo sie Gewinne erwarten; Preise vermitteln Knappheiten; Wettbewerb zwingt Unternehmen zu Innovation und Anpassung.
Hinzu kommt die außerordentliche Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus. Er kann mit sehr unterschiedlichen politischen Systemen verbunden werden. Die Vereinigten Staaten, Deutschland, Schweden und China unterscheiden sich politisch und institutionell erheblich – und dennoch beruhen ihre Volkswirtschaften auf Privateigentum, Märkten und kapitalistischer Produktion. Gerade diese Anpassungsfähigkeit erklärt einen Teil seiner weltweiten Ausbreitung.
Der Kommunismus ist als konkurrierendes globales Wirtschaftssystem weitgehend verschwunden. Die meisten ehemals kommunistischen Länder sind heute marktwirtschaftlich organisiert. Selbst China hat den Kapitalismus in sein politisches System eingebaut.
Damit hat Milanović einen entscheidenden Punkt getroffen: Der Systemkonflikt des 20. Jahrhunderts ist beendet. Der Kapitalismus ist nicht mehr eine Wirtschaftsordnung unter mehreren, sondern die gemeinsame Grundlage sehr unterschiedlicher politischer Systeme.
2. Milanovic zwei Kapitalismen – und die europäische Lücke
Milanović unterscheidet zwei Idealtypen: Der liberal-meritokratische Kapitalismus verbindet Privateigentum und Wettbewerb mit Rechtsstaat, politischen Freiheitsrechten und demokratischer Legitimation. Individuen sollen grundsätzlich durch Bildung, Leistung und wirtschaftlichen Erfolg aufsteigen können.
Das zweite Modell nennt Milanovic „politischen Kapitalismus“. China ist sein wichtigstes Beispiel. Hier besitzt der Staat eine wesentlich stärkere Stellung. Die politische Führung ist nicht vom demokratischen Wettbewerb abhängig, sondern legitimiert ihre Herrschaft vor allem durch Ordnung, nationale Stärke und wirtschaftlichen Erfolg.
Diese Gegenüberstellung ist analytisch fruchtbar. Sie hat jedoch eine bemerkenswerte Schwäche: Europa passt nur schwer in dieses Schema. Denn Deutschland, Frankreich, die skandinavischen Länder, die Niederlande oder Österreich sind weder amerikanischer Laissez-faire-Kapitalismus noch chinesischer Staatskapitalismus. Der europäische Kapitalismus beruht vielmehr auf der Verbindung von Marktwirtschaft mit einem Sozialstaat und demokratischem Rechtsstaat.
Die europäischen Staaten greifen wesentlich stärker in die Verteilung der Marktergebnisse ein als in den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig lassen sie Unternehmen und Kapital grundsätzlich innerhalb einer wettbewerblichen Marktwirtschaft agieren. Den Sozialstaat (Renten, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Familienleistungen, Bildung und andere öffentliche Leistungen) finanzieren europäische Staaten mit Steuern und Sozialabgaben. Arbeitsrecht und Tarifautonomie begrenzen zugleich die Macht des Kapitals gegenüber den Arbeitnehmern.
Folgt man der Typologie von Milanovic, ist der europäische Sozialstaat nicht das Gegenmodell zum Kapitalismus, sondern weitere institutionelle Form des Kapitalismus.
3. Was den europäischen Kapitalismus von der amerikanischen Variante unterscheidet
Der Unterschied liegt weniger im Privateigentum oder im Wettbewerb als in der Frage, was nach dem Markt kommt. Der amerikanische Kapitalismus akzeptiert tendenziell größere Unterschiede bei Einkommen, Vermögen und sozialer Absicherung. Die individuelle Eigenverantwortung spielt eine größere Rolle.
Der europäische Sozialstaat versucht dagegen, die Marktergebnisse nachträglich zu korrigieren. Das geschieht auf drei Ebenen:
Erstens durch Umverteilung: Steuern und Sozialbeiträge werden verwendet, um Einkommen und Lebensrisiken teilweise auszugleichen. Zweitens durch Versicherungen: Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit oder Pflege werden nicht vollständig dem individuellen Risiko überlassen. Drittens durch öffentliche Güter und Dienstleistungen: Bildung, Infrastruktur und andere Bereiche werden zumindest teilweise staatlich finanziert oder organisiert.
Damit verfolgt Europa ein anderes gesellschaftliches Ziel als ein rein marktliberales Modell. Nicht allein die Frage „Wie viel Wohlstand erzeugt der Markt?“ steht im Mittelpunkt, sondern auch: Wie wird dieser Wohlstand verteilt, welche Risiken werden kollektiv getragen und wie groß sollen die sozialen Unterschiede sein?
Es spricht einiges dafür, dass die europäische Variante historisch erheblich zur politischen Stabilität in Europa beigetragen. Der Kapitalismus wurde gesellschaftlich akzeptabler, weil seine sozialen Härten begrenzt wurden. Gerade Deutschland ist hierfür ein klassisches Beispiel: Die soziale Marktwirtschaft verbindet Wettbewerb und Privateigentum mit sozialer Sicherung und staatlicher Ordnung des Wettbewerbs.
4. Der Preis des europäischen Modells
Der europäische Sozialstaat hat allerdings einen Preis. Ein umfangreicher Sozialstaat muss finanziert werden. Hohe Sozialbeiträge und Steuern erhöhen die Arbeitskosten und beeinflussen damit die Beschäftigung oder internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Hinzu kommt ein zweites Problem: Je mehr Risiken der Staat übernimmt, desto größer werden seine Ausgaben und Verpflichtungen. Das gilt besonders bei einer alternden Bevölkerung. Europa steht deshalb vor einem strukturellen Zielkonflikt: Der Sozialstaat soll Sicherheit gewährleisten, darf aber die wirtschaftliche Dynamik nicht so stark belasten, dass die Grundlage dieser Sicherheit erodiert.
Das ist eine der entscheidenden Fragen für die Zukunft des europäischen Kapitalismus. Denn der Sozialstaat kann nur verteilen, was eine wettbewerbsfähige Wirtschaft zuvor erwirtschaftet. Die Schwachstelle des europäischen Modells ist folgender Zusammenhang: Der Sozialstaat lebt vom Kapitalismus, kann ihn aber durch Überregulierung und zu hohe Belastungen zugleich schwächen.
Das bedeutet nicht, dass der Sozialstaat zwangsläufig wachstumsfeindlich ist. Die skandinavischen Länder zeigen, dass hohe Sozialstandards durchaus mit wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften vereinbar sein können. Entscheidend dafür sind die Qualität und Effizienz der Institutionen: Flexible Anreizstrukturen, funktionierende Verwaltung, Bildung und Infrastruktur, Wettbewerb und Innovationsbereitschaft sowie eine solide Finanzierung.
5. China: Kapitalismus ohne liberalen Rechtsstaat
Der chinesische Kapitalismus bildet hierzu den schärfsten Kontrast. Heute stammen rund 70 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung aus dem Privatsektor.
China zeigt aber auch, dass wirtschaftliche Modernisierung nicht automatisch zu liberaler Demokratie führt. Die politische Führung verfügt über eine erhebliche Macht, die strategisch wichtigen Wirtschaftsbereiche zu steuern und zu kontrollieren. Der Staat kann Kapital mobilisieren, Industriepolitik betreiben und langfristige Projekte verfolgen, ohne dieselben demokratischen Prozeduren und Vetopositionen berücksichtigen zu müssen wie westliche Regierungen. Denn es gibt in China kein mit den westlichen Volkswirtschaften vergleichbares klares Regelwerk für die Wirtschaft. Gleichzeitig können Vermögen und Chancen von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Das kann Vorteile haben: Gerade bei Infrastruktur, Technologie oder strategischer Industriepolitik kann ein zentral gelenkter Staat Entscheidungen schneller treffen. Doch daraus entstehen zugleich erhebliche Risiken: Wenn politische Macht und wirtschaftliche Macht eng miteinander verbunden sind, können Korruption, politische Abhängigkeiten und Unsicherheit der Eigentumsrechte entstehen.
Milanović weist außerdem darauf hin, dass der politische Kapitalismus stark auf wirtschaftlichen Erfolg angewiesen ist. Denn ein autoritäres System kann seine politische Legitimation nicht über echte Wahlen herstellen. Es muss deshalb andere Formen der Legitimation anbieten – insbesondere wirtschaftliche Entwicklung, Ordnung und nationale Stärke.
Solange die Wirtschaft wächst, kann dieses Modell stabil erscheinen. Eine längerfristige Wachstumsschwäche würde aber eine besondere Herausforderung darstellen.
6. Die Schwäche des liberalen Kapitalismus: Ungleichheit
Milanovićs vielleicht wichtigste Warnung richtet sich jedoch gegen den Westen selbst. Der liberale Kapitalismus erzeugt nicht nur Wohlstand, sondern auch Ungleichheit. Wer Kapital besitzt, kann damit weiteres Kapital erwerben. Vermögen kann vererbt werden. Wohlhabende Familien können ihren Kindern bessere Bildung, bessere Netzwerke und bessere Ausgangsbedingungen ermöglichen.
Dadurch kann ein fundamentaler Widerspruch entstehen. Denn der liberale Kapitalismus versteht sich als meritokratisch: Jeder soll entsprechend seiner Leistung aufsteigen können. Doch gleichzeitig können Vermögen und Chancen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Aus der Leistungsgesellschaft kann dadurch allmählich eine Gesellschaft werden, in der Herkunft wieder wichtiger wird.
Hier kommt jedoch der in der Analyse von Milanovic vernachlässigte europäische Sozialstaat ins Spiel: Denn gerade der Sozialstaat versucht, diese Entwicklung abzufedern. Kostenlose oder stark subventionierte Bildung, Sozialversicherungen, Familienleistungen und progressive Steuern sollen verhindern, dass wirtschaftliche Ungleichheit automatisch in dauerhafte soziale Ungleichheit übersetzt wird.
Der europäische Sozialstaat kann deshalb auch als politische Antwort auf eines der Grundprobleme des Kapitalismus verstanden werden.
7. Der europäische Sozialstaat als demokratische Selbstkorrektur
Der Sozialstaat ist nicht nur ein Instrument zur Umverteilung. Er kann auch als Stabilisierungsmechanismus der Demokratie verstanden werden. Denn Demokratie beruht auf politischer Gleichheit: Jeder Bürger hat grundsätzlich die gleiche politische Stimme.
Der Kapitalismus erzeugt dagegen wirtschaftliche Ungleichheit. Wenn diese Ungleichheit zu groß wird, kann sie auch politische Ungleichheit erzeugen. Wohlhabende Gruppen verfügen über größere Möglichkeiten, Interessen zu organisieren, politische Entscheidungen zu beeinflussen und gesellschaftliche Debatten zu prägen.
Der Sozialstaat versucht deshalb, die Spannung zwischen wirtschaftlicher Ungleichheit und politischer Gleichheit zu begrenzen. In diesem Sinne kann man den europäischen Sozialstaat als eine Art Selbstkorrektur des ungleichen Kapitalismus verstehen.
Das ist ein Punkt, den die Zwei-Modell-Theorie von Milanovic nicht erfasst. Europa versucht nicht, den Kapitalismus mit dem Sozialstaat zu überwinden. Es versucht, ihn gesellschaftlich einzubetten.
8. Aber auch Europa steht unter Druck
Gerade deshalb stellt sich heute die Frage, ob das europäische Modell noch in der Lage ist, seine demokratische Schutzfunktion gegenüber dem internationalen Kapitalismus auszuüben.
Globalisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel und internationale Konkurrenz haben die Ausgangsbedingungen grundlegend verändert. Europäische Unternehmen konkurrieren mit amerikanischen und asiatischen Unternehmen. Gleichzeitig soll die europäische Wirtschaft die hohen und umfangreichen Sozialleistungen und zusätzlich einen anspruchsvollen Regulierungsrahmen finanzieren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie viel Sozialstaat kann sich eine Gesellschaft leisten, ohne ihre wirtschaftliche Dynamik zu schwächen – und wie viel soziale Absicherung benötigt sie, damit der Kapitalismus demokratisch akzeptiert bleibt?
Diese Frage lässt sich nicht ideologisch beantworten: Ein zu schwacher Sozialstaat kann gesellschaftliche Spaltung und politische Unzufriedenheit fördern. Ein ineffizienter oder überdehnter Sozialstaat kann dagegen Wachstum, Investitionen und Eigenverantwortung beeinträchtigen. Die europäische Herausforderung besteht deshalb darin, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Sicherheit miteinander zu verbinden.
9. Drei Kapitalismen statt zwei?
Man muss in Gegensatz zur Analyse von Milanovic drei Idealtypen von Kapitalismus unterscheiden:
Erstens: der liberal-meritokratische Kapitalismus.
Sein Schwerpunkt liegt auf Märkten, Privateigentum, individueller Freiheit und begrenzter staatlicher Umverteilung. Die Vereinigten Staaten sind hierfür das wichtigste Beispiel.
Zweitens: der politische Kapitalismus.
Hier stehen staatliche Steuerungsfähigkeit, politische Autorität und wirtschaftliche Entwicklung im Vordergrund. China ist das wichtigste Beispiel.
Drittens: der sozialstaatlich eingebettete Kapitalismus.
Hier werden Marktwirtschaft und Privateigentum mit umfangreicher sozialer Sicherung, Arbeitnehmerrechten und staatlicher Umverteilung verbunden. Europa – insbesondere Deutschland und die skandinavischen Länder – stehen diesem Modell nahe.
Damit verändert sich auch die Frage nach der Zukunft. Es geht nicht nur darum, ob der Kapitalismus weltweit herrschen wird. Es konkurrieren vielmehr unterschiedliche Institutionen innerhalb des Kapitalismus miteinander. Welche Kombination aus Markt, Staat, Demokratie und sozialer Sicherung ist dauerhaft leistungsfähig?
Fazit:
Milanovic hat mit „Capitalism, Alone“ einen wichtigen historischen Befund formuliert:
Der Kapitalismus hat den globalen Systemwettbewerb gewonnen. Aber daraus folgt keineswegs, dass künftig überall dieselbe Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bestehen wird. Im Gegenteil: Weil der Kapitalismus keine ernsthafte globale Alternative mehr besitzt, wird der Systemwettbewerb innerhalb des Kapitalismus wichtiger.
Amerika setzt stärker auf Markt und individuelle Verantwortung. China verbindet Markt und Privateigentum mit einem autoritären Staat. Europa versucht, den Markt mit Demokratie, Rechtsstaat und einem umfassenden Sozialstaat zu verbinden.
Ob sich Europa in diesem Wettbewerb behaupten kann, hängt letztlich davon ab, ob es den politischen Institutionen gelingt, den Sozialstaat so zu reformieren, dass er den Kapitalismus nicht belastet, sondern seine gesellschaftliche und demokratische Legitimation sichert.



