Bosch-Gruppe in der Krise
Die Bosch-Gruppe ist ein international führendes Technologie- und Dienstleistungsunternehmen, das zu den Ikonen der deutschen Industriegeschichte zählt. Das Unternehmen wurde 1886 als „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“ von Robert Bosch (1861–1942) in Stuttgart gegründet. 1913 brachte Bosch das Bosch-Licht, das erste elektrische System im Auto mit Scheinwerfer, Lichtmaschine, Schalter und Batterie, auf den Markt.
Die Bosch-Gruppe beschäftigt heute in ihren rund 490 Tochter- und Regionalgesellschaften in mehr als 60 Ländern rund 418 000 Mitarbeiter (Stand: 31.12.2024), wovon rund 87 000 in der Forschung und Entwicklung tätig sind. Als Automobilzulieferer, als Hersteller von Industrietechnik, von Gebrauchsgütern sowie von Energie- und Gebäudetechnik erwirtschaftete die Gruppe im Geschäftsjahr 2024 einen Umsatz von 90,3 Milliarden Euro.
Trotz der heutigen Größe und Internationalität des Unternehmens gibt es bei Bosch eine historisch gewachsene Unternehmenskultur, so wie sie der Gründer vorlebte. Ein Arbeitsplatz bei Bosch ist nicht nur ein Job, sondern beruht auf dem Vertrauen, dass sich das Unternehmen um seine Mitarbeiter kümmert und ihnen die nötigte Sicherheit gibt.
Das spiegelt sich auch in der Verfassung der Bosch-Gruppe wider: Robert Bosch hinterließ seinen Nachfolgern in seinem Testament einen doppelten Auftrag: Sie sollten die erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens sichern und sein soziales Engagement mit Hilfe der Robert Bosch Stiftung fortsetzen. In diesem Sinne ist auch das Verhältnis von Unternehmen zu der Stiftung gestaltet.
Die Robert Bosch Stiftung hält rund 94 Prozent der Geschäftsanteile an den Bosch-Unternehmen und finanziert sich aus den Dividenden dieser Firmen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 hat die Robert Bosch Stiftung mehr als 2,5 Milliarden Euro für ihre gemeinnützige Arbeit ausgegeben. Als gemeinnützige Stiftung ist sie aber nicht unternehmerisch tätig. Deshalb sind die Stimmrechte aus den Geschäftsanteilen auf die Robert Bosch Industrietreuhand KG übertragen worden, in der ehemalige Top-Manager das Sagen haben. Diese Regelung sichert eine klare Trennung zwischen wirtschaftlichen und gemeinnützigen Zielen.
Doch auch für Bosch haben sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in dem letzten Jahrzehnt verändert. Es ist vor allem die Transformation der Automobilindustrie, die von der Politik vorangetrieben, aber vom Markt nur zögerlich angenommen wird, die für Bosch eine enorme Herausforderung darstellt. Der von der Unternehmensführung angekündigte Stellenabbau in den Werkshallen und Entwicklungsbüros lässt daran keinen Zweifel. Zur Disposition stehen derzeit mindestens 22.000 Arbeitsplätze. Ein solcher massiver Stellenabbau ist für die Mitarbeiter von Bosch ein tiefgreifender Schock, der das Versprechen von Sicherheit und Stabilität infrage stellt.
Es sind aber nicht nur die Automobilzulieferer bei Bosch, die in der Krise sind. Gleichzeitig stehen nämlich auch die anderen Branchen des Unternehmens im globalen Wettbewerb, insbesondere mit China, unter massiven Druck. Bei Bosch ist deshalb ein grundsätzlicher Streit um die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens entbrannt. Angesichts der angekündigten Streichung Tausender Stellen werfen Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall der Geschäftsführung nicht nur einen „Kulturbruch“ vor, sondern verlangen auch ein Mitspracherecht bei der grundsätzlichen Unternehmensplanung: „Gerade, weil erst vor einem halben Jahr eine große Personalabbauwelle angekündigt wurde, wollen wir jetzt darüber reden, wie ein Zukunftsmodell aussehen kann“, sagte Frank Sell, Betriebsratschef der Autozuliefersparte Mobility Solutions.
Doch für ein Krisenmanagement, das ein schnelles Handeln der Unternehmensführung verlangt, ist die Struktur des Unternehmens weniger geeignet. Das in der Unternehmensverfassung verankerte Prinzip des langfristigen Denkens hat auch die Beharrungskräfte gestärkt, die sich gegen grundsätzliche Änderungen sträuben. So setzt Bosch den Personalabbau deutlich später und moderater um als viele Wettbewerber. Es gab eben keinen Druck, harte Entscheidungen früher zu treffen.
Die Krise bei Bosch ist nicht nur eine Folge des Transformationsprozesses in der Automobilindustrie, sondern auch ein Spiegelbild der technologischen Umwälzungen und der globalen geopolitischen Veränderungen, die nahezu allen Branchen des Unternehmens vor enorme Herausforderungen stellen. Die Lösung der Probleme bei Bosch ist deshalb außerordentlich vielfältig und herausfordernd. Der jetzigen Führung hinterließ Robert Bosch einen doppelten Auftrag: Sie soll die erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens sichern und sein soziales Engagement fortsetzen. Das bedeutet für die jetzige Zeit: Die Bosch-Gruppe muss wettbewerbsfähig bleiben, koste es was es wolle!
Betroffene Branchen und Standorte
Die Krise bei Bosch trifft das Unternehmen in allen Bereichen - von der Automobilzulieferung bis zur Produktion von Elektrogeräten. Dazu einige Beispiele:
Antriebstechnik (Stuttgart-Feuerbach, Schwieberdingen):
An diesen Standorten werden traditionell Komponenten für Diesel- und Benzinmotoren entwickelt und hergestellt. Dieser Bereich ist von dem Verbrenner-Verbot der EU und der Umstellung auf E-Fahrzeuge am stärksten betroffen. Denn für einen Elektromotor werden deutlich weniger Bauteile und weniger Montageaufwand benötigt als für einen Verbrennungsmotor. Eine verbreitete Formel besagt, dass man für zehn Mitarbeiter in der Dieselproduktion nur noch einen für den E-Antrieb braucht. Die Geschäftsleitung der Bosch-Gruppe will deshalb in der Mobilitätssparte 22.000 Arbeitsplätze abbauen.
Um der Automobilindustrie die Umstellung von Verbrenner- auf E-Fahrzeuge zu erleichtern, hat die EU-Kommission im Dezember 2025 ein überarbeitetes „Automotive Package“ vorgestellt: Statt eines 100%-Verbots von CO2-emittierenden Neuwagen ab 2035 gilt künftig das Ziel von 90 % CO2-Reduktion, d.h. 10% Emissionen bleiben erlaubt – etwa durch Fahrzeuge mit Verbrennungs- oder Hybridantrieb, sofern die 10% Emissionen durch die Nutzung von „low-carbon“-Stahl, E-Fuels oder Bio-Kraftstoffe kompensiert werden.
Mit dieser Ergänzung zum generellen Verbrenner-Verbot der EU soll es den Automobilherstellern ermöglicht werden, nach 2035 nicht ausschließlich 100% batterieelektrische Autos, sondern auch Hybrid- und klimaneutrale Verbrenner zu verkaufen. Ob das der Autowirtschaft in der jetzigen Krise wirklich hilft, wird jedoch allgemein bezweifelt. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates von Bosch, Frank Sell sagt dazu: „Ich muss ehrlich sagen, die präsentierten Vorschläge helfen der Zulieferindustrie, die immerhin für 75 Prozent der Wertschöpfung verantwortlich ist, nicht. Das ist Augenwischerei. Da haben am Ende so viele verschiedene Interessengruppen mitgeredet und ihre Position in das Papier eingebracht, dass die neuen Regeln praktisch keinem helfen. Es ist von allem ein bisschen drin, aber nichts, was man wirklich braucht.“
Bremsen und Lenkungen (Reutlingen, Schwabisch Gmünd)
Selbst hochspezialisierte Bereiche, die für moderne Fahrzeuge unerlässlich sind, bleiben vom Abbau von Arbeitsplätzen nicht verschont. Auch hier führt die Notwendigkeit, Kosten über alle Geschäftsbereiche hinweg zu senken, zu einem flächendeckenden Abbau von mehreren Tausend Stellen.
Der Grund ist einfach zu erklären: Die Nachfrage nach Autos in Europa ist schwach und der Wechsel zur E-Mobilität verläuft langsamer als erwartet, Wenn aber weniger Autos gebaut werden, bestellen die Hersteller weniger Bauteile bei den Vorlieferanten wie Bosch.
Elektromobilität (Hildesheim)
Im Werk Hildesheim produzieren 1540 Mitarbeiter bereits Komponenten für Elektromotoren. Die Transformation habe man schon hinter sich, sagte der örtliche Betriebsratsvorsitzende Stefan Störmer. Derzeit arbeiten am Standort Hilldesheim rund 1100 Beschäftigte in der Fertigung von Elektrokomponenten und Elektronik. Davon sollen 550 Stellen bis Ende 2027 wegfallen und weitere 150 bis 2032, so dass dann nur noch 400 Arbeitsplätze übrig bleiben.
Dazu erklärt die Geschäftsleitung: Die Aufträge für das Werk laufen nur bis 2032. Bei Ausschreibungen für andere Aufträge hätten günstigere Standorte von Konkurrenten den Zuschlag erhalten. Insgesamt ist der Markt in diesem Bereich für die Zulieferer eng, weil die Autohersteller viele Teile für ihre Elektromotoren inzwischen selbst produzieren, um ihren eigenen Mitarbeitern aus den Verbrennungssparten eine Zukunft zu geben. Zudem soll die Fertigung in Hildesheim modernisiert und automatisiert werden. Das bedeutet: weniger Handarbeit.
Mit Entlassungen bei Bosch ist jedoch trotz der Probleme vorerst nicht zu rechnen; den für den Autozulieferbereich sind betriebsbedingte Kündigungen bis 2027 vertraglich ausgeschlossen, in manchen Bereichen sogar bis 2029. „Daran halten wir uns“, bekräftigte Bosch-Arbeitsdirektor Stefan Grosch. Eine Ausnahme wären Werksschließungen. Aber diese seien „für uns Ultima Ratio, das ist nichts, was wir von vorneherein anstreben“.
Zukunftsbereiche (E-Mobilität, autonomes Fahren)
Was die Gewerkschaften besonders ärgert, sind die Streichpläne für Zukunftsbereiche wie die Softwareentwicklung für autonomes Fahren, Komponenten für die Elektromobilität und moderne elektronische Lenkungen. In diese Bereiche hat Bosch Milliarden Euro investiert und neue Produkte entwickelt. Nun sollen dort 40 Prozent der geschaffenen Arbeitsplätze wieder abgebaut werden.
Vor allem im Bereich Software wurden große Abteilungen für die Programmierung automatisierter Systeme aufgebaut und „mit utopischem Optimismus“ rund 2500 hoch qualifizierte Mitarbeiter angestellt. Dabei war man davon ausgegangen, dass der Übergang zum von Software bestimmten Auto (Software Defined Vehicle) deutlich schneller kommen werde. Das war jedoch eine Fehlplanung: Die neuen Geschäftsfelder haben nichts bzw. viel zu wenig zum Gewinn beigetragen. Hintergrund ist, dass der Bosch-Konzern auf große Stückzahlen angewiesen und nur dann kostengünstig produzieren und aufwendige Entwicklungen gegenfinanzieren kann.
Für den Betriebsrat Stefan Bischoff ist der Plan des Managements, 40 Prozent dieser neuen Stellen wieder abzubauen, verständlicherweise eine Katastrophe: „Es ist eine Bankrotterklärung vom Management, eigene Fehlentscheidungen auf die Arbeitnehmer abzuwälzen“.
Die Fehlplanung wird jedoch von der Geschäftsleitung nicht infrage gestellt. Bosch-Arbeitsdirektor Stefan Grosch sagte dazu: „Unsere Kunden haben einige Programme deutlich verschoben, beziehungsweise gänzlich abgesagt.“ Software bleibe aber ein strategisches Feld für Bosch, vorläufig brauche der Konzern aber deutlich weniger Mitarbeiter in diesem Bereich (Welt: „Bosch fatale Fehlkalkulation“ vom 22.12.2024).
Sonstige Bereiche (Leinfelden, Bretten, Waiblingen)
Die Werke in Leinfelden (Elektrowerkzeuge), in Bretten (Hausgeräte) und in Waiblingen (Steckverbinder) sollen ganz aufgegeben werden, wodurch weitere Tausende Arbeitsplätze entfallen. Die Produktion sei aufgrund eines schrumpfenden Marktes und der wachsenden Billigkonkurrenz "dauerhaft unterausgelastet", erklärte die Geschäftsleitung. Daher müssten die Kapazitäten reduziert werden. Herde, Waschmaschinen und Dunstabzüge sollen künftig aus anderen europäischen Werken kommen. Betroffen seien rund 980 Beschäftigte in Bretten und 440 in Nauen (Handelsblatt vom 10.10.2025).
Diese Entscheidung der Geschäftsführung zeigt, dass die Krise bei Bosch weit über das „Verbrenner-Thema“ hinausgeht und auch etablierte Produkte ohne direkte Verbindung damit dem Kostendruck zum Opfer fallen.
Die Schließung ganzer Werke setzt üblicherweise voraus, dass eine Sanierung nicht mehr möglich ist oder die laufenden Verluste das positive Unternehmensergebnis gefährden können. In einem solchen Fall stellt sich dann aber die grundsätzliche Frage, wie das zukünftige Geschäftsmodell des Unternehmens überhaupt aussehen soll.
So ist es verständlich, dass die Arbeitnehmer die Zukunft des Unternehmens mitgestalten wollen und der massive Stellenabbau bei Bosch nicht geräuschlos vollzogen wird. Betriebsräte kämpfen um den Erhalt von Arbeitsplätzen, Mitarbeiter protestieren, und Mahnwachen vor den Werkstoren zeugen von der Verzweiflung der Belegschaft. Die neue Härte des Managements wird als Verrat an den Werten des Firmengründers Robert Bosch empfunden. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, Frank Sell, beschreibt die Situation folgendermaßen: „Die Leute haben Angst, Angst um ihre Existenz. Das ist man beim Bosch nicht gewohnt, sondern zum Bosch gehst Du hin und gehst in Rente. Das ist für die Leute extrem schwierig, weil ein Höllendruck im Kessel ist.“
Ausblick:
Wie geht es weiter für Bosch und die deutsche Automobilindustrie? Eine schnelle Erholung ist nicht in Sicht. Die Transformation wird länger dauern und schmerzhafter sein als gedacht. Professionelle Sanierer gehen davon aus, dass die Spitze von Insolvenzen bei Zulieferern noch nicht erreicht ist. Von den einst über 800.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Automobilindustrie könnte dann nur noch die Hälfte übrigbleiben
Die Krise bei Bosch markiert das Ende einer industriellen Epoche. Der Wohlstand, den die Automobilindustrie über Jahrzehnte für Deutschland geschaffen hat, steht auf dem Spiel. Denn der Weg in die Zukunft der Mobilität ohne Verbrenner scheint unvermeidlich, aber er ist mit gewaltigen Opfern verbunden. Ob es gelingt, den Wandel sozial abzufedern und den Industriestandort Deutschland neu zu erfinden, ist die entscheidende Frage (DutchBullion Verlagsteam vom 21.12.2025).



