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Reform- und Steuerpolitik : Was bedeutet das AfD-Strategiepapier von 2025 für die CDU/CSU?
23.09.2026 23:35 (47 x gelesen)

Was bedeutet das AfD-Strategiepapier von 2025 für die CDU/CSU?

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Pommern und Berlin im September 2026 lautet die entscheidende Frage für die Zukunft der CDU nicht mehr allein: Wie kann sie die AfD mit Hilfe der Brandmauer bekämpfen? Sie lautet vielmehr: Warum gelingt es der AfD zunehmend, ehemalige Wähler der Union an sich zu binden? Diese Frage ist wichtiger, weil sie den Blick von der AfD auf die Union selbst richtet.

Das im Juli 2025 von POLITICO veröffentlichte Strategiepapier der AfD ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Es beschreibt nicht lediglich eine Strategie zur Gewinnung zusätzlicher Protestwähler. Die AfD versucht vielmehr, die politische Statik der Bundesrepublik in drei Schritten zu verändern: 1. SPD und Grüne sollen durch Polarisierung nach links getrieben werden.  2. Dadurch sollen die Gegensätze zwischen Union einerseits und SPD sowie Grünen andererseits unüberbrückbar gemacht werden. 3. Gleichzeitig sollen der CDU/CSU ihr traditioneller Markenkern genommen werden.

Mit einer solchen Strategie will die AfD nicht nur stärker werden. Sie will die Union vielmehr in eine strategische Zwickmühle bringen: Bleibt die CDU eine Partei der Mitte, verliert sie konservative Wähler an die AfD. Rückt sie nach rechts, gerät sie in Konflikt mit ihrer eigenen Brandmauer. Das ist der eigentliche Kern der Herausforderung.

1. Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Pommern, Berlin

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 zeigt, wie erfolgreich diese AfD-Strategie schon ist. Die AfD erreichte 43,8 Prozent der Wähler, die CDU nur 17,2 Prozent. Damit wurde die AfD in diesem Land mit großem Abstand stärkste Partei.

Für die CDU ist daran nicht nur der eigene Stimmenverlust problematisch. Noch wichtiger ist die Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses: Die AfD ist nicht länger eine kleinere Partei rechts von der Union, sondern zur dominierenden politischen Kraft auf der rechten Seite des Parteiensystems geworden.

Die CDU existiert zwar weiterhin. Aber sie besitzt in diesem Land nicht mehr automatisch die politische Führungsrolle im bürgerlich-konservativen Lager. Genau darin liegt die strategische Bedeutung dieser Wahl.

Noch dramatischer ist Mecklenburg-Vorpommern. Im Jahr 2021 erreichte die AfD dort 16,7 Prozent der Stimmen, die CDU 13,3 Prozent. In diesem Jahr kam die AfD auf 38,2 Prozent, während die CDU auf 4,9 Prozent fiel und damit den Einzug in den Landtag verfehlte. Das Ergebnis ist von grundsätzlicher Bedeutung: Die AfD ist in diesem Land nicht lediglich stärker geworden, sondern hat gleichzeitig die CDU aus dem Parlament verdrängt.

Damit zeigt sich, was passiert, wenn eine Partei ihre Funktion als politische Heimat eines bestimmten Wählermilieus verliert: Die Wähler verschwinden nicht. Sie suchen sich aber eine andere politische Heimat.

Das ist der wichtigste Satz für die Analyse des CDU-Niedergangs. Die konservativen Wähler, die nicht mehr CDU wählen, sind nicht automatisch unpolitisch geworden. Viele bleiben politisch interessiert. Sie haben aber ihre politische Bindung verändert.

Die Verhältnisse sind aber nicht überall gleich: Vor allem Berlin zeigt, dass daraus kein allgemeines Gesetz gemacht werden kann. Denn bei der Abgeordnetenhauswahl 2026 erreichte die CDU 18,8 Prozent, die AfD 16,3 Prozent. Die AfD liegt damit trotz Zugewinne noch hinter der CDU. Gleichzeitig verlor die CDU aber gegenüber der Wahl 2023 erheblich, während die AfD deutlich zulegte.

Die Entwicklung ist regional unterschiedlich. Die AfD kann die Union in manchen Regionen weit zurückdrängen, während die CDU in anderen Regionen weiterhin eine stärkere Position besitzt. Das bedeutet aber nicht, dass das Problem der Union damit erledigt wäre. Im Gegenteil: Die CDU muss erklären können, warum sie in bestimmten Regionen ihre traditionelle Bindungskraft verliert, während sie sie in anderen noch besitzt.

2. Die Mobilisierung der Nichtwähler

Der Erfolg der AfD beruht nicht zuletzt darauf, dass es dieser Partei gelungen ist, Menschen wieder an die Wahlurne zu bringen, die in den ruhigen Merkel-Jahren zu Nicht-Wählern geworden waren. Die Strategie der "asymmetrischen Demobilisierung", die Merkels Generalsekretär Ronald Pofalla erfand und als Kanzleramtschef weiterentwickelte, sollte gezielt die Wähler des Gegners einschläfern. Das funktionierte: Gegen eine sozialdemokratisierte Union fiel der SPD die Mobilisierung ihrer Wähler immer schwerer. Wer sich in der rechten Mitte nicht mehr repräsentiert fühlte, blieb ebenfalls zu Hause (Robin Alexander in WamS, 27. Setember 2026). Wen hätten sie auch wählen sollen?

Schon damals verschob sich die innere Zusammensetzung der Wählerschaft, deren Sprengkraft in der Union unterschätzt wurde. Viele Menschen wählten nicht rechts- oder linksradikal, sondern gar nicht mehr. 18,2 Millionen Wahlberechtigte blieben der Bundestagswahl 2013 fern. Das waren mehr als diejenigen, die die Union mit 14,7 Millionen Zweitstimmen gewählt hatten. 

Eine dramatische Entwicklung, zunächst aber ohne Folgen für die Zahl der Bundestagsmandate und die politischen Ämter. So konnte eine Scheinstärke der politischen Mitte vorgetäuscht werden, die es tatsächlich gar nicht gab. Etwa bei der Bundestagswahl 2013: CDU und CSU erreichten mit Angela Merkel 18,2 Millionen Zweitstimmen. Das entsprach nur 29,3 Prozent der Wahlberechtigten, aber 49,3 Prozent der Bundestagssitze. 

Bei den Wahlen 2026 konnte die AfG aus diesem Arsenal schöpfen. Ein erheblicher Teil der Wähler, die Merkel einst aus der Politik vertrieb, kehrten nun an die Wahlurnen zurück und wählten die politischen Ränder. Die AfD musste viele davon nicht überzeugen, sondern nur wecken. 

3. Das historische Erfolgsmodell der Union

Die CDU war über Jahrzehnte nicht deshalb erfolgreich, weil sie eine besonders scharf umrissene Ideologie besaß. Ihre Stärke bestand gerade darin, unterschiedliche politische Strömungen zusammenzuführen: Konservative, Christlich-Soziale, Wirtschaftsliberale, Mittelständler, Arbeitnehmer, Katholiken, Protestanten und bürgerliche Wechselwähler konnten sich in derselben Partei wiederfinden.

Die Union war deshalb weniger eine Partei eines einzelnen Milieus als eine Integrationspartei des bürgerlichen Lagers. Diese Funktion hatte einen entscheidenden Vorteil: Wer konservativ wählen wollte, musste nicht unbedingt eine andere konservative Partei wählen. Wer wirtschaftsliberal wählen wollte, musste nicht die FDP wählen. Wer gesellschaftlich moderat war, konnte die CDU wählen.

Die Aufgabe der Union bestand darin, die damit verbundenen politischen Gegensätze innerhalb der Partei auszutragen, ohne dass daraus zwangsläufig eine Parteispaltung entstand. Gerade darin lag ihre historische Stärke.

Die AfD stellt dieses Modell nun infrage: Ihr Ziel ist es, die CDU auf bestimmten Politikfeldern zu überholen und ehemalige CDU-Wähler für sich zu gewinnen. Sie greift damit nicht nur die CDU an – sie greift vor allem ihr bisheriges Geschäftsmodell an.

Das ist der entscheidende Punkt. Die AfD muss nicht einmal die Mehrheit der ehemaligen CDU-Wähler gewinnen. Es reicht zunächst, wenn sie einen Teil der CDU-Wähler davon überzeugt, dass die Union ihre Interessen nicht mehr angemessen vertritt. Schon damit verändert sich die Funktion der CDU. Aus der großen Sammelpartei des bürgerlichen Lagers wird eine Partei neben der AfD, die rechts von ihr angesiedelt ist.

Das wäre ein fundamentaler Wandel. Denn die Union könnte dann nicht mehr selbstverständlich behaupten: „Wir sind die politische Heimat des bürgerlichen Lagers.“ Sie müsste vielmehr um diese Stellung konkurrieren. Genau auf diesen Strukturwandel zielt die AfD-Strategie.

Darüber hinaus sieht das Strategiepapier der AfD einen „Kulturkampf“ vor, mit dem die Gegensätze zwischen Union und SPD verschärft werden sollen. Damit will die AfD verhindern, dass Union und SPD lagerübergreifend und dauerhaft zusammenarbeiten. Insoweit richtet sich die Strategie der AfD auch gegen die Funktion der CDU, zwischen unterschiedlichen Parteien und Lagern zu vermitteln.

Wie wirksam diese AfD-Strategie ist, lässt sich schon daran erkennen, dass CDU und SPD nach den Landtagswahlen politische Positionen, auf die sich beide Parteien bereits geeinigt hatten, wieder in Frage stellten. Die SPD äußerte sich zur „Rente mit 63“, über die noch einmal gesprochen werden müsste, und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) meinte zur Überraschung seines Gesundheitsministers, es gebe im Gesundheitssystem Ungerechtigkeiten für Pflichtversicherte im Verhältnis zu Privatversicherten, die beseitigt werden müssten.

4. Das Dreieck: AfD – Union – SPD

Die deutsche Parteienlandschaft war lange Zeit von folgendem Dreieck geprägt: CDU/CSU – SPD – FDP/Grüne.  Die AfD versucht nun im Rahmen ihrer Strategie, dieses Dreieck zu sprengen und daraus folgendes Dreieck zu machen: AfD – CDU/CSU – linkes Lager.

Um das zu erreichen, plant die AfD die Stärkung des linken Lagers „auf Kosten von SPD und von Grünen“ (Beate von Storch), um den regierungsfähigen Teil dieser Parteien kleiner zu machen. Außerdem will die AfD der Union ihren Markenkern, die Wirtschaftskompetenz, streitig machen. „In diesem Lager übernehmen wir jetzt die Führung, wir werden anfangen, aus einer Position der Stärke heraus mit der CDU zu verhandeln“ (Beate von Storch).  

Das klingt zunächst wie eine bloße Verschiebung politischer Kräfte. Tatsächlich steckt dahinter aber eine tiefgreifende Veränderung:

Die AfD braucht die Union als politischen Gegner, dessen traditionelle Wählerschaft sie aufbrechen kann. Denn solange die Union einen großen Teil des konservativen Spektrums bindet, bleibt das Wachstum der AfD begrenzt. Deshalb muss die AfD zwei Dinge gleichzeitig erreichen: Sie muss die CDU als eine Partei darstellen, die ihre früheren Grundsätze aufgegeben hat. Gleichzeitig muss sie sich selbst als authentische konservative Kraft zeigen. Das ist die eigentliche strategische Auseinandersetzung.

Die gefährliche Botschaft der AfD lautet: „Die CDU redet konservativ, handelt aber nicht konservativ.“ Die AfD muss die CDU nicht in allen Sachfragen widerlegen. Sie muss nur Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit erzeugen. Das gelingt besonders dort, wo die Union früher eindeutige Positionen vertreten und später verändert hat. Dazu gehören etwa: Migration, Energiepolitik, Atomkraft, Staatsverschuldung, EU-Politik, Bürokratie, innere Sicherheit, Verhältnis von Staat und Wirtschaft.

Für die CDU liegt hier eine besondere Gefahr. Denn Wähler wechseln Parteien selten ausschließlich aufgrund eines einzelnen Sachthemas. Häufiger entsteht ein umfassender Eindruck: „Diese Partei vertritt meine Vorstellungen nicht mehr.“ Ist dieser Eindruck erst einmal entstanden, kann ein Wahlprogramm daran wenig ändern. Die AfD versucht deshalb, aus einzelnen politischen Entscheidungen eine umfassende Erzählung über die Union zu machen. Die CDU sei nicht mehr die Partei, die sie früher gewesen sei.

5. Die Brandmauer als Lösung?

Eine politische Partei kann lange als Protestpartei bezeichnet werden. Aber von einer bestimmten Größe wird aus Protest politische Konkurrenz. Genau diese Schwelle ist in Teilen Ostdeutschlands inzwischen überschritten.

Wenn eine Partei 38 oder 44 Prozent erreicht, kann man ihre Wähler nicht mehr pauschal als Protestwähler erklären. Dann handelt es sich um einen erheblichen Teil der Gesellschaft. Für die CDU folgt daraus die Konsequenz: Sie kann die AfD nicht allein durch Ab- oder Ausgrenzung bekämpfen.

Denn eine Brandmauer beantwortet nicht die Frage, warum ehemalige CDU-Wähler zur AfD gehen. Sie beantwortet auch nicht die Frage, welche politischen Bedürfnisse diese Wähler bei der CDU nicht mehr erfüllt sehen. Eine Partei kann ihren politischen Gegner moralisch oder organisatorisch abgrenzen. Sie kann dadurch aber nicht automatisch ihre verlorene Wählerschaft zurückgewinnen.

Damit kommt die Brandmauer ins Zentrum der strategischen Auseinandersetzung. Die CDU kann eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen. Das ist eine politische Entscheidung, die aber nicht verhindert, dass Wähler AfD wählen. Sie kann deshalb auch nicht verhindern, dass die AfD stärkste Partei wird. Und sie kann nicht verhindern, dass die CDU in einem Bundesland unter die Fünf-Prozent-Hürde fällt. Mecklenburg-Vorpommern liefert dafür das anschaulichste Beispiel: Die CDU blieb bei ihrer Abgrenzung. Die AfD wurde trotzdem stärkste Partei und die CDU verschwand aus dem Landtag.

Das bedeutet aber nicht, dass die Brandmauer wirkungslos wäre. Sie erfüllt eine andere Funktion: Sie begrenzt die unmittelbare Übersetzung von AfD-Stimmen in Regierungsbeteiligung. Aber sie ist keine Strategie zur Rückgewinnung verlorener CDU-Wähler. Das muss die Union auseinanderhalten.

Hier schließt sich der Kreis zum Strategiepapier der AfD. Die AfD kann der CDU sinngemäß folgende politische Botschaft entgegenhalten: Ihr könnt uns von der Regierung fernhalten – aber ihr könnt nicht verhindern, dass immer mehr Wähler uns wählen. Je größer die AfD wird, desto schwieriger wird diese Situation für die CDU. Denn irgendwann entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen demokratischer Repräsentation und politischer Ausgrenzung.

Auch hier ist zwischen zwei Fragen zu unterscheiden: Wer darf regieren und warum wählen so viele Menschen diese Partei? Die erste Frage lässt sich durch Koalitionsentscheidungen beantworten. Die zweite nicht. Sie verlangt eine politische Antwort der Union.

6. Die CDU darf nicht versuchen, die AfD zu imitieren

Die strategische Versuchung ist offensichtlich. Wenn die AfD mit Migration, Energiepolitik oder Staatskritik erfolgreich ist, könnte die CDU versuchen, dieselben Themen ebenfalls stärker zu besetzen. Das kann in einzelnen Sachfragen sinnvoll sein. Als Gesamtstrategie wäre es jedoch problematisch.

Denn eine Partei, die ihre Positionen ständig am Erfolg des politischen Konkurrenten ausrichtet, verliert ihre eigene politische Identität. Die Union braucht deshalb nicht mehr AfD. Sie braucht mehr CDU.

Das klingt banal, ist aber politisch anspruchsvoll. Denn „mehr CDU“ müsste wieder konkrete Inhalte bedeuten: Ordnungspolitik statt dirigistischer Wirtschaftspolitik  -  Eigenverantwortung statt immer neuer staatlicher Transfers -  Leistungsorientierung statt Bürokratisierung  -  Rechtsstaatlichkeit statt politische Symbolpolitik  -  Begrenzung staatlicher Eingriffe statt immer neuer Regulierung  -  Verlässliche Energiepolitik statt ständig wechselnder ordnungspolitischer Vorgaben   -  Eine Migrationspolitik, die humanitäre Verpflichtungen mit staatlicher Steuerungsfähigkeit verbindet.

Das wären keine AfD-Positionen. Es wären klassische Fragen einer bürgerlichen Partei.

7. Die originären Aufgaben der CDU

Damit kommen wir zum entscheidenden Punkt: Die CDU kann die AfD nicht dadurch überflüssig machen, dass sie deren Programm übernimmt. Sie kann die AfD nur dann politisch zurückdrängen, wenn sie wieder selbst die Fähigkeit entwickelt, unterschiedliche bürgerliche Interessen miteinander zu verbinden.

Das bedeutet: Der konservative Wähler muss ebenso einen Platz in der CDU finden wie der wirtschaftsliberale Wähler. Der Mittelständler ebenso wie der Arbeitnehmer. Der sicherheitspolitisch orientierte Wähler ebenso wie der gesellschaftlich liberale Bürger.

Die Union muss wieder eine Partei werden, die unterschiedliche Interessen integriert, statt sie gegeneinander auszuspielen. Genau diese Fähigkeit war jahrzehntelang eine ihrer größten politischen Stärken.

Allerdings darf auch die Stärke der AfD nicht überschätzt werden. Ihre Wahlerfolge zeigen wachsende gesellschaftliche Unterstützung. Aber Stärke bei Wahlen bedeutet nicht automatisch Regierungsfähigkeit. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zeigen dies deutlich.

Die AfD kann stärkste Partei werden und dennoch vor der Frage stehen, mit wem sie eine Regierung bilden kann. Solange andere Parteien eine Zusammenarbeit ausschließen, bleibt die AfD auf eine parlamentarische Rolle außerhalb der Regierung beschränkt.

Damit besitzt die CDU einen entscheidenden politischen Spielraum. Sie muss ihn aber nutzen. Denn die Alternative lautet nicht: Brandmauer oder AfD. Die eigentliche Alternative lautet: Politische Erneuerung der Union oder weiterer Verlust ihrer bisherigen Wählerbindung.

Damit steht die CDU vor einer historischen Entscheidung. Sie kann versuchen, die AfD mit Abgrenzung kleinzuhalten. Oder sie kann sich fragen, warum die AfD überhaupt in der Lage ist, einen immer größeren Teil des früheren bürgerlichen Wählerspektrums anzusprechen.

Die zweite Frage ist schwieriger. Aber sie ist die entscheidende. Denn die CDU wird die AfD nicht dadurch dauerhaft schwächen, dass sie sie beschimpft. Sie wird sie auch nicht dadurch schwächen, dass sie einzelne AfD-Forderungen übernimmt.

Sie wird sie nur dann politisch zurückdrängen können, wenn sie wieder eine überzeugende Antwort auf die Frage gibt: Warum sollte ein konservativer, wirtschaftlich denkender, sicherheitsorientierter und staatskritischer Bürger CDU wählen?

Auf diese Frage muss die CDU eine Antwort geben, die über Friedrich Merz hinausgeht. Sie braucht ein politisches Profil, das nicht bloß gegen die AfD gerichtet ist, sondern für etwas steht.

Fazit: Die AfD gewinnt dort, wo die Union ihre Integrationskraft verliert

Das AfD-Strategiepapier von 2025 ist weniger als kurzfristiger Wahlkampfplan interessant denn als strategische Beschreibung eines längerfristigen politischen Projekts. Die AfD will die Union nicht einfach ersetzen.

Sie will die politische Ordnung verändern, in der die Union bisher ihre besondere Stellung hatte. Die entscheidende Schwäche der CDU liegt deshalb nicht darin, dass es die AfD gibt. Die entscheidende Schwäche liegt dort, wo die CDU keine überzeugende politische Heimat mehr für frühere CDU-Wähler darstellt.

Sachsen-Anhalt zeigt, wie weit dieser Prozess gehen kann. Mecklenburg-Vorpommern zeigt, dass er sogar zum parlamentarischen Verschwinden der CDU führen kann. Berlin zeigt zugleich, dass die Entwicklung nicht zwangsläufig und nicht überall gleich verläuft.

Die entscheidende Lehre lautet daher: Die AfD gewinnt nicht nur, weil sie stärker wird. Sie gewinnt vor allem dort, wo die Union schwächer darin geworden ist, das bürgerliche Lager politisch zu integrieren.

Das ist für die CDU eine wesentlich unbequemere Erkenntnis als die Feststellung, die AfD sei eine gefährliche Konkurrenz. Denn gegen einen äußeren Gegner kann man Wahlkampf führen. Eine verlorene politische Identität kann man dagegen nur selbst zurückgewinnen.

Die eigentliche Aufgabe der Union besteht deshalb nicht darin, wie die AfD zu werden. Sie besteht darin, wieder so überzeugend CDU zu sein, dass ein konservativer und bürgerlicher Wähler nicht mehr das Gefühl hat, seine politischen Anliegen bei einer anderen Partei besser aufgehoben zu finden.

Wenn ihr das gelingt, verliert die AfD einen Teil ihrer strategischen Grundlage. Wenn es ihr nicht gelingt, könnte die Entwicklung, die heute in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sichtbar ist, zum dauerhaften Strukturwandel des deutschen Parteiensystems werden.

Dann wäre die historische Frage nicht mehr: „Wie stoppen wir die AfD?“ Sondern: „Warum ist die CDU nicht mehr in der Lage, das bürgerliche Lager zusammenzuhalten?“


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