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Wissenschaft und Klimakonsens
21.05.2023 16:07 (785 x gelesen)

Wissenschaft und Klimakonsens

Gespräch von Dr. Josef Schlarmann mit Dr. Philipp Lengsfeld, Gründer, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor der re:look climate gGmbH, eines kleinen freien wissenschaftlichen start-up:

Teil 1 Über unabhängige Wissenschaft und den sogenannten Klimakonsens

Frage:

Lieber Herr Lengsfeld, wir haben uns erst letztens persönlich kennengelernt, obwohl Sie in der 18. Wahlperiode (2013-2017) CDU-MdB für Berlin-Mitte waren.

Sie haben 2019 ein wissenschaftliches start-up gegründet, die re:look climate gGmbH – erzählen Sie zunächst ein wenig die Hintergründe. Warum haben Sie dieses Institut gegründet? Wie kam es dazu?

Antwort:

Ich bin promovierter Experimentalphysiker und habe in meiner Doktorandenzeit in einer außeruniversitären Großforschungseinrichtung im Bereich Materialforschung für Solarzellen gearbeitet – meine Doktorandenzeit fiel zusammen mit dem rasanten Aufstieg der deutschen Solarindustrie. Im Umfeld dieser Forschung hatte ich schon als Doktorand sehr viel mit politischer Forschungsförderung und den Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs insgesamt zu tun – eine Dimension, die mich neben reiner Politik und Geschichte immer fasziniert hat. Das war inhaltlich eine sehr intensive Zeit – mehrere meiner Co-Doktoranden sind in die Solarindustrie eingestiegen und haben die dann folgenden Achterbahnfahrten mitgemacht. Ich selber habe aber die Forschung nach der Promotion verlassen und bin zwar in die Industrie, aber in einen anderen Bereich und zwar in den Bereich Pharma, wobei ich noch heute in einem bekannten global agierenden Pharmaunternehmen mit Hauptsitz Berlin arbeite.

In der 18. Wahlperiode war ich dann Mitglied des Deutschen Bundestages für die CDU Berlin. Mein Hauptausschuss war genau der, den ich mir gewünscht hatte: Bildung und Forschung. Ich wurde Berichterstatter u.a. für Energieforschung und war damit z.B. mit den politisch hochumkämpften Themen Kernkraft und Kernfusion beschäftigt, aber hatte vor allem auch die Berichterstattung für das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag, das TAB.

Frage:

Das Büro für Technikfolgenabschätzungen beim Deutschen Bundestag (TAB)? Ich wette, die wenigsten haben davon schon mal gehört.

Antwort:

Dies war und ist aber eine Schlüsselposition, denn das TAB ist eine wirklich unterschätzte Einrichtung des Bundestages, die dieser nach amerikanischem Vorbild geschaffen hatte um eine wissenschaftliche Politikberatung des Bundestages unabhängig von der Regierung zu ermöglichen. Kernaufgabe: Wissenschaftliche Bewertung von politisch interessierenden Themen.

Die re:look climate habe ich nach der Blaupause des TAB als gemeinnütziges, spendenfinanziertes Institut nebenberuflich gegründet und seit dem ehrenamtlich betrieben.

Frage:

Und das war problemlos möglich?

Antwort:

Die Gründung der re:look climate war problemlos möglich: Eine Gründung ist eh frei und unsere Steuerbegünstigung, d.h. die Spendenabzugsfähigkeit, erfolgt gemäß Satzung für den gemeinnützigen Zweck der Förderung von Wissenschaft und Forschung (§52 Abs. 2, Satz 1 Abgabenordnung) und diese resultiert direkt aus der Wissenschafts- und Forschungsfreiheit in Deutschland.

Natürlich ergeben sich aus der Gemeinnützigkeit und der gewährten Steuerbegünstigung auch klare Grundsätze und Randbedingungen, aber die sind für mich aus den langen Jahren in der außeruniversitären und industriellen Wissenschaft eh selbstverständlich. Die re:look climate agiert, wie jede seriöse wissenschaftliche Organisation, nach strengen Grundsätzen der Wissenschaft. Dies schließt z.B. Politisiererei, medial-politisches, aktivistisches Agieren strikt aus und fordert das strenge Befolgen der Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens.

Übrigens eine permanente Herausforderung für mich und mein Team, da es oft politisch-medial gefärbte Wünsche an oder Anwürfe gegen die re:look climate gibt. Aber wir machen Wissenschaft und sind kein Produzent von medialen sound bites.

Wissenschaft muss blind und unempfänglich gegen politische Wünsche sein: Der Impuls Wissenschaft zu unterdrücken, weil man befürchtet, dass die Ergebnisse nicht in ein politisch gewünschtes Bild passen, ist ein zutiefst autoritärer Impuls und hat in einer freien demokratischen Gesellschaft keinen Platz.

Die politische, mediale, öffentliche Interpretation und Diskussion der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist immer erst der zweite Schritt. Hier können die jeweiligen Fachleute helfen. Letztlich muss er aber von der Gesellschaft insgesamt gemacht werden.

Frage:

Mit welchen inhaltlichen Themen haben Sie sich bei der re:look climate schon beschäftigt? Ich persönlich fand den Themenkomplex Klima-Konsens sehr interessant.

Antwort:

Ja, ein hochinteressantes Thema, das ich persönlich schon vor Gründung ein wenig bearbeitet hatte und das ich dann zu einem Schwerpunktthema innerhalb der re:look climate gemacht habe.

Frage:

Und was ist die Erkenntnis?

Antwort:

Die Arbeiten der re:look climate belegen ziemlich deutlich, dass es keinen Klima-Konsens bezüglich der Frage der globalen Erwärmung durch menschgemachtes-CO2 gibt (englische Fachabkürzung: GHG-AGW – green house gas driven anthropogenic global warming, die von jetzt ab genutzt wird).

Frage:

Wirklich, aber was ist denn mit den ganzen medialen Berichten? Gibt es nicht eine wissenschaftliche Studie, die sogar einen Zahlenwert belegt? 97% Konsens?

Antwort:

Ja, es gibt sogar mehrere wissenschaftliche Arbeiten. Die re:look climate hat sich mit allen uns bekannten relevanten Konsens-Arbeiten beschäftigt und wir haben bei allen festgestellt, dass die öffentliche Perzeption nicht dem entspricht, was in diesen Arbeiten eigentlich belegt wurde.

Lassen Sie mich dies etwas ausführen.

Zunächst muss man verstehen, dass es sich bei dem Klima-Konsens-Postulat um einen wissenschaftlichen claim handelt, wie jeder andere auch. Und jeder echte wissenschaftliche claim hat einen wissenschaftlichen Originator und einen Datensatz, eine Veröffentlichung, auf den dieser zurückgeht und deren Belastbarkeit und Qualität wiederum darüber entscheiden, wie belastbar der claim tatsächlich ist.

Wohlgemerkt: Der Wissenschaft ist egal, wer den claim gemacht hat, aus welchen Motiven, mit welcher Qualifikation und ob es eine dedizierte Finanzierung gab oder nicht. Alle diese Aspekte sind typische Kennzeichen einer politisch-medialen Bewertung eines claims, aber kein wissenschaftlicher Ansatz zur Bewertung.

Trotzdem will ich diese Aspekte in diesem Falle auch nicht ganz ignorieren, da ja gerade der Klima-Konsens-claim in einem sehr politisierten Umfeld groß geworden ist.

Zunächst aber zum Inhalt:

Der Klima-Konsens-claim ruht auf zwei Säulen, wir nennen dies den Primär- und den Sekundär-Klima-Konsens-claim. Der Sekundär-claim basiert vor allem auf Analysen von Positionierungen von Wissenschaftlern in Umfragen oder Datenbankanalysen. Dazu später noch mal etwas mehr.

Konzentrieren wir uns auf zunächst auf den Primär-claim.

Der von uns als Primär-Klima-Konsens-claim bezeichnete Ansatz geht auf Prof. Naomi Oreskes aus Harvard zurück, die dazu 2004 in dem sehr prestigeträchtigen wissenschaftlichen Journal Science eine kurze Abhandlung geschrieben hat mit einem kleinen, aber hochinnovativen Ansatz: Gemäß ihrer Analyse (auf Details gehe ich gleich ein) postulierte sie, dass 75% aller klimawissenschaftlichen Veröffentlichungen die AGW-Hypothese unterstützen würden: Der Klima-Konsens in der wissenschaftlichen Literatur war geboren.

Die eigentliche zentrale Arbeit wurde aber erst über 10 Jahre später veröffentlicht: Inspiriert von dem Oreskes-Ansatz veröffentlichte John Cook und seine Mitarbeiter seines aktivistischen Projekts skeptical science eine gründliche zweite Analyse mit dem bekannten Zahlenwert als Kernergebnis: 97% Klima-Konsens. Obwohl es an dieser Studie auch viel Kritik von verschiedenen Seiten gab, ist der Kern-claim bis dato in der wissenschaftlichen Literatur nie widerlegt worden. In 2021 schoben Mark Lynas et al. ein Update dieser Analyse nach und postulierten, dass der wahre Klima-Konsens bei nunmehr über 99% liegen würde. Ohne allzu große Aufmerksamkeit in der Wissenschaft zu erregen hatte John Cook zusammen mit u.a. Naomi Oreskes in einer Replik auf eine erste Kritik an seiner Studie 2016 den initialen 75%-Konsens von Oreskes auf 100% korrigiert.

Frage:

Und was haben Sie, was hat die re:look climate festgestellt?

Antwort:

Durch intensive Arbeit an den Daten und der Methodik haben wir mehrere Erkenntnisse gewonnen: Zunächst, dass der 97%-Konsens geschickt konstruiert und formal richtig und bestätigbar ist. Das war eine wichtige Erkenntnis, denn ich hatte zunächst angenommen und so geht auch die Erzählung außerhalb der Wissenschaft, dass die massive Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des Feldes aus Sicht eines Wissenschaftlers oder auch Teilen der Öffentlichkeit und dem veröffentlichten claim durch einen Rechen- oder Denkfehler zustande gekommen sein könnte.

Dem war aber nicht so.

Der Schlüssel liegt in dem von Oreskes und Cook gewählten Ansatz. Und dies hat zwei Dimensionen.

Zunächst erfolgte die Auswahl, also die Generierung des Grunddatensatzes der dann zu untersuchenden Klimawissenschaftspublikationen durch relativ unspezifische Suchbegriffe. Dieser Datensatz (bestehend aus einer stattlichen Zahl von zu bewertenden Publikation) wurde dann „peer-reviewed climate science“ genannt, obwohl es sich streng genommen nur um peer-reviewed climate change mentioning scientific literature handelte, denn die Literatur wurde über die Erwähnung recht unspezifischer Begriffe gefunden und als Datensatz separiert und nicht etwa über Inhalte.

Der zweite Schritt der Analyse ist aber der Schlüssel: Die Publikationen („climate science iterature“) wurden dann nämlich nicht etwa auf die eigentlich veröffentlichten Daten, Hypothesen, Rechnungen oder Modelle untersucht, sondern -und das ist der Clou- auf eine Positionierung der Autoren bezüglich GHG-AGW im abstract (eine Art Minizusammenfassung der Arbeit) gestützt.

Wir haben also zwei fundamentale Aspekte identifizieret: Die Abgrenzung von Klimawissenschaftsliteratur über unspezifische Suchbegriffe, die in der Veröffentlichung erwähnt werden (und nicht etwa über eine inhaltliche Abgrenzung). Und die Analyse dieses Datensatzes mittels Positionierung im abstract und wieder nicht über Inhalte der Publikation.

Frage:

Das wissenschaftliche Postulat enthält zwar die Referenz auf die wissenschaftliche Literatur, aber diese bezieht sich letztlich auf eine Positionierung der Autoren im abstract? Und dies obendrein in einem generös zusammengestellten Datensatz?

Antwort:

Genau.

Wir haben zunächst festgestellt, dass die Arbeiten, die in die Analyse von Oreskes und später Cook eingegangen waren überhaupt nicht danach ausgewählt waren, ob sie sich wirklich mit Thema Klimamechanismen befassen. Der jeweilige Basisdatensatz wurde wie oben erwähnt generiert durch relativ generische Suchbegriffe mit der Folge, dass viele Studien gefunden wurden, die zwar die generischen Suchbegriffe enthielten, aber letztlich gar keinen Beitrag zur gestellten Konsens-Frage liefern. Natürlich ist intuitiv klar, dass eine Arbeit bei der es gar nicht um die Klimamechanismen geht auch nicht in eine Analyse über einen vorhandenen oder nicht vorhandenen Konsens einfließen sollte. Und dies auch zunächst völlig unabhängig von der Frage, ob diese Autoren eine Einschätzung, Meinung oder Haltung zu GHG-AGW haben oder nicht.

Frage:

Aber selbst mit dieser schweren Einschränkung scheint eine Zustimmung von 97% in den abstracts doch ziemlich hoch?

Antwort:

Ja, aber diese Zahl gibt es nur auf dem Papier.

Bei John Cook et al. kann man dies sehr schön entlang der Originalzahlen nachverfolgen (Tabelle 3 der Originalpublikation, die wir im Anhang als Quelle verlinken).

Von imposanten 11 944 Veröffentlichungen in der Analyse haben 66.4% (7930) gar keine auswertbare GHG-AGW-Positionierung im abstract gehabt und wurden aus der Analyse ausgeschlossen. Von den verbleibenden 4014 Veröffentlichungen mit einer Positionierung haben Cook et al. mit Kriterien der expliziten oder sogar nur impliziten! Unterstützung festgestellt, dass 97.1% der verbliebenen Veröffentlichungen implizit oder explizit GHG-AGW stützen.

Dieses Ergebnis haben wir als re:look climate in umfänglichen eigenen Untersuchungen tatsächlich formal reproduzieren können.

Frage:

Aber wenn Sie den 97%-claim formal belegt haben, was ist dann das Problem – ist die Analyse der abstract-Positionierung denn falsch?

Antwort:

Diesen Punkt müssen wir noch erledigen, bevor wir zur Gesamtbilanz kommen – und ich kann mir vorstellen, wie anstrengend dies für Sie und ihre Leserinnen und Leser sein muss, aber Wissenschaft ist sehr anstrengend und einen claim zu widerlegen ist eben noch mal schwieriger als ihn zu konstruieren.

Die Frage nach den abstracts ist natürlich ganz zentral für die Bewertung der Belastbarkeit des claims:

Und da ist meine Antwort auch so radikal, wie eindeutig: abstracts sind für mich nicht Teil der Publikation, sie sind eher eine Art Mini-Pressemitteilung, ursprünglich waren sie wohl als Lesehilfe gedacht, damit man sich das Durchblättern der Gesamtpublikation ersparen kann. Eine sehr gefährliche Geschichte, denn die abstracts werden von den jeweiligen Zeitschriften reguliert, von den Autoren entworfen und den peer reviewern kommentiert und gegengelesen. Es gibt keine einheitlichen Standards, selbst wenn es strenge Vorgaben von Seiten der einzelnen Zeitschriften gibt – meine persönliche Einschätzung ist übrigens: abstracts sind absolut verzichtbar, sind definitiv nicht Teil der Originalpublikation und sollten -wenn überhaupt- einheitlich von Seiten der Zeitschrift unabhängig und nach klaren Maßstäben verfasst werden. Im Prinzip sind sie aber in Zeiten moderner Suchmaschinen völlig unnötig, da ein Blick in die eigentliche Publikation einem erfahrenen Wissenschaftler viel mehr hilft als das Durchlesen des abstract.

Frage:

Kommen wir zur Gesamtbewertung des Klima-Konsens-claims, den die re:look climate formal bestätigt hat. Es klang so, als gäbe es ein „Aber“?

Antwort:

Ja, es gibt ein Aber! Und das ist ein ganz großes Aber!: Welchen claim haben wir eigentlich genau bestätigt? Wir haben folgenden claim bestätigt (und ich entschuldige mich schon vorab für die Länge und die Schwerlesbarkeit):

„Wenn man die sehr umfängliche wissenschaftliche Fachliteratur (peer-reviewed publications) mit relativ unspezifischen Suchwörter durchsucht, um eine immer noch imposant große Zahl von Fachpublikationen als „climate science literature“ zu definieren, egal ob diese Literatur eigentlich direkte oder indirekte Beiträge zur Klimamechanismen liefert, wenn man dann die abstracts dieser Arbeiten bewertet und zwar danach ob sie eine indirekte oder direkte Positionierung zu GHG-AGW enthalten, man dann die über 60% der Arbeiten, deren abstracts keine Positionierungen enthalten weglässt und die verbleibenden kategorisiert, dann findet man, dass von den verbleibenden knapp über 30% der Arbeiten 97.1% GHG-AGW indirekt oder direkt „endorsen“.“

In meiner Welt ist dieser claim eine formale Nichtigkeit, eine sophistische Spitzfindigkeit ohne echte Bedeutung.

Insbesondere sagt er garantiert nicht, dass über 90% der wissenschaftlichen Klimaliteratur GHG-AGW stützen.

Frage:

Hat die re:look climate Daten erhoben, die darauf deuten, wie groß die Stärkung der GHG-AGW in der wissenschaftlichen Fachliteratur wirklich ist?

Antwort:

Obwohl dies nicht im Fokus der ursprünglichen Fragestellung stand, haben wir tatsächlich dazu Hinweise gefunden. Was zunächst ganz frappierend war: Die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten, die sich tatsächlich mit den konkreten Mechanismen von GHG-AGW oder alternativen Klimamodellierungen auseinandersetzt ist überraschend klein.

Wir konnten es zunächst gar nicht glauben, aber die Zahl der für das bessere Verständnis von Klimaphysik tatsächlich relevanten Arbeiten ist sehr sehr viel kleiner als die durch die unspezifische Schlagwortsuche zunächst identifizierte große Zahl von Publikationen. Und selbst von diesen Arbeiten beschäftigen sich der Großteil mit der Basis der Diskussion, also z.B. den Paleoklimadaten, wie Temperatur, Niederschläge oder CO2-Gehalt. Die Zahl der Arbeiten, die sich wirklich mit den konkurrierenden Erklärungen bezüglich Klimamodellierung auseinandersetzen ist noch mal deutlich kleiner.

Von diesen Arbeiten steht es gemäß unserer Analyse ungefähr 50:50 bezüglich Stärkung oder Schwächung der GHG-AGW-Hypothese.

Frage:

50:50? Das klingt unvorstellbar, angesichts der öffentlichen Diskussion und Perzeption.

Antwort:

Ja, das ist aber die Richtung gemäß unserer Analyse.

Wir waren ehrlich auch überrascht, wie dünn und kontrovers die Datenbasis für die GHG-AGW momentan zu sein scheint.

Frage:

Also kein Konsens zur Frage GHG-AGW?

Antwort:

Genau.

Wobei man jetzt schon die Frage stellen darf, wer eigentlich postuliert hat, dass es eines Konsenses bedarf? Niemand! Das Konsens-Konzept kommt vor allem aus dem medial-politischen, aktivistischen Raum.

Wir sind aber auch nicht auf einem Parteitag: Es geht in der Wissenschaft nicht um Mehrheiten oder gar Einstimmigkeit, sondern um die Güte der Daten und der jeweiligen Analysen, um die Belastbarkeit der Hypothesen.

Zwar gibt es in der Wissenschaft durchaus auch das Konzept von „truth panel“ und sehr viele z.B. medizinische Leitlinien nutzen Konsens-Statements für Handlungsempfehlungen. Aber genau das ist ja der Witz: Ein Konsens ist nur eine Hilfskrücke für das Überbrücken von wissenschaftlichen Unsicherheiten, insbesondere bei der Herleitung von Handlungsempfehlungen.

Es ist aber der denkbar umständlichste Weg für eine echte wissenschaftliche Erkenntnis und dafür auch völlig unnötig. Im Gegenteil, je disruptiver eine wissenschaftliche Entdeckung, desto wahrscheinlicher steht sie im Gegensatz zu einer herrschenden Lehrmeinung.

Frage:

Warum war der Klima-Konsens dann so ungeheuer erfolgreich?

Antwort:

Hier bewege ich mich außerhalb der Kernarbeiten der re:look climate, aber ich gebe dazu trotzdem gerne eine persönliche wissenschaftspolitische Einschätzung.

Der Schlüssel liegt hier in der politischen Aufmerksamkeit und Perzeption und auch Motivation.

Mit Prof. Naomi Oreskes, einer versierten Wissenschaftshistorikerin war der Klima-Konsens-claim von Anfang an mit Wissenschaftsaktivismus verbunden. Naomi Oreskes ist mit ihrem zentralen Werk „Merchands of Doubt“ auch die Verfechterin der These, dass die aus ihrer Sicht unzureichende oder zu langsame Klimapolitik massiv durch organisierte Störkampagnen der Industrie zu erklären wäre. Ich möchte mich hierzu gar nicht im Detail äußern, aber nur anmerken, dass die wissenschaftliche Veröffentlichung zur Unterfütterung des social media claims #Exxonknew von Seiten von ExxonMobil und von ExxonMobil beauftragten Gutachtern massiv kritisiert wird. Ein separates Thema, wo ich aber klare Parallelen zur Klima-Konsens-Kontroverse sehe.

Mit John Cook wurde die Klima-Konsens-Arbeit dann von einem Physiker übernommen, John ist fast mein Jahrgang, der sich hier sowohl wissenschaftlich, John hat mit dem Thema kognitionspsychologisch promoviert, als auch vor allem aktivistisch profiliert hat. Die wissenschaftliche Arbeit an dem Thema wurde von Freiwilligen aus dem Umfeld seiner aktivistischen Unternehmung und Webseite „SkepticalScience.org“ absolviert – im Prinzip kein Problem, es ist auch alles transparent beschrieben, aber schon auch schwierig. Wie ich und Fritz Vahrenholt es in unserem Hypothese-Papier formuliert haben, welches leider nie die Hürden einer peer-review-Veröffentlichung nehmen konnte, ist es schon problematisch, dass die Beleger eines Klima-Konsens auch aktiv dafür werben, dass dieser nicht nur medial ständig wiederholt wird, sondern dass Kritiker laufend an ihn gemahnt werden.

Der Klima-Konsens war politisch sehr erfolgreich, aber wurde von den Entdeckern und andere Klimaaktivisten auch massiv politisch platziert und eingesetzt.

Frage:

Und was ist mit der 99% Bestätigung durch Lynas et al.?

Antwort:

Mark Lynas ist ein Wissenschaftsjournalist und ebenfalls ein Aktivist – das über 99% update des Cook-Klima-Konsens ist unseres Erachtens nach das berühmte „icing on the cake“. Aus Platzgründen will ich hier die Details überspringen: Aus unserer Sicht eine wissenschaftlich schwache Arbeit. Leider ist unsere fristgemäß eingereichte Kritik („comment“) von einem zuständigen section editor des originator journals abgelehnt worden.

Frage:

Sie erwähnten noch die sogenannten Sekundär-Konsens-Arbeiten. Was ist mit denen?

Antwort:

Die Klassifizierung kommt ja von uns: Hier handelt es sich meist um klassische Umfragen unter Wissenschaftlern oder auch Datenbankanalysen von Positionierungen, z.B. in offenen Briefen und Petitionen. Ich will Ihnen hier die Details ersparen: Es hat sich rausgestellt, dass sich hohe Zustimmungswerte fast immer nur auf kleine oder kleinste Subgruppen der abgefragten Wissenschaftler bezogen.

Leider wurde auch hier ein von uns fristgemäß verfertigter comment zu einer 10-Jahre-Wiederauflage der ersten und wichtigsten Umfragearbeit von dem originator journal ablehnt.

Frage:

Sie scheinen Schwierigkeiten zu haben, die Kontroverse in der Fachliteratur zu führen?

Antwort:

Schwierigkeiten ist eine klare Untertreibung: Auch hier muss man, ähnlich wie bei der Rolle der abstracts, die Mechanismen des wissenschaftlichen Publizierens verstehen: Es ist ein freier Markt, aber es gibt auch keinerlei echte Hebel eine Veröffentlichung zu erzwingen. Es gibt zwar die Selbstverpflichtung der journals und editors, die sogenannten COPE-principles, aber eine Nichteinhaltung dieser Prinzipien gegenüber einer Arbeitsgruppe oder einer Arbeit ist ganz schwer bis unmöglich nachweisbar. Die Editoren und die Reviewer haben alle Möglichkeiten die Veröffentlichung einer Arbeit zu verzögern oder gar zu verhindern. Und vielleicht halten sie dies sogar in die dem konkreten Moment für die richtige Linie.

Die re:look climate versucht seit jetzt schon fast drei Jahren diese Glaswand beim Primär-Klima-Konsens zu durchbrechen und ich bin auch optimistisch, dass dies letztlich gelingen wird, aber es ist überhaupt nicht einfach.

Frage:

So kann aber immer wieder behauptet werden, dass der Klima-Konsens in der Fachliteratur nicht widerlegt ist?

Antwort:

Ja, dies ist leider genauso. Natürlich gibt es zwar ein wenig Kritik auch in der Fachliteratur, aber die eigentliche Kontroverse findet außerhalb statt und die Korrektur des Klima-Konsens-claims durch die re:look climate ist bis dato noch nicht peer-reviewed veröffentlicht. Mein Eindruck ist mittlerweile auch ganz klar, dass dies aktiv hintertrieben wird – die originator haben null Interesse, dass ihr claim wissenschaftlich diskutiert wird.

So wird natürlich ein Graben zwischen der öffentlichen und der Fachdiskussion aus meiner Sicht vertieft.

Quellen:

Webseite der re:look climate gGmbH

www.relook-climate.de

Originalveröffentlichung Cook-Consens (in Englisch):

https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/8/2/0224024

Hypothesenpapier zum Cook-Oreskes consens (in Englisch, nicht peer-reviewed veröffentlicht):

https:/figshare.com/articles/preprint/Revisiting the wellknown 97 1 climate consensus A hypothesis paper for an alternatve data-based approach/21155344

Analyse des Cook-Consens (in Englisch, nicht peer-reviewed veröffentlicht):

https://figshare.com/articles/preprint/Introducing a new approach to the climate consensus question by testing the 97 % climate consensus with 2707 published climate change papers from 1991,1995, 1999, 2009, and 2019/16892236

Sie können Dr. Philipp Lengsfeld auch gerne direkt schreiben: Als Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor der re:look climate gGmbH: lengsfeld@relook-climate.de oder in Politik und der Öffentlichkeit Agierender unter: p.lengsfeld@arcor.de.

++++Ende Teil 1++++


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