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Wirtschaftspolitik : Lehren für die CDU aus der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
09.09.2026 23:36 (22 x gelesen)

Lehren für die CDU aus der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026 ist für die CDU mehr als eine schwere Niederlage. Sie ist ein Warnsignal dafür, dass die CDU in Teilen Ostdeutschlands ihre frühere Funktion als bürgerliche Sammelpartei verliert.

Die Zahlen sind dramatisch: Die CDU fiel von 27,1 % auf nur noch 17,2 %, während die AfD auf 43,8 % stieg. Besonders aussagefähig: Die CDU gewann kein einziges Direktmandat, nachdem sie 2021 noch 40 von 41 Wahlkreisen gewonnen hatte.

Man sollte das Ergebnis nicht einfach als „AfD-Wahl“ oder als Ausdruck eines Rechtsrucks erklären. Die KAS-Wahlanalyse zeigt vielmehr eine Kombination aus wirtschaftlichem Pessimismus, Zukunftsangst, Identitätsfragen und einem starken Gefühl ostdeutscher Benachteiligung.

Nur noch 20 % der Befragten bewerten die wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut – 27 Prozentpunkte weniger als 2021. Nur 28 % glauben, Sachsen-Anhalt sei gut für die Zukunft vorbereitet. Gleichzeitig sehen sich 68 % der CDU-Anhänger in Ostdeutschland als „Bürger zweiter Klasse“.

Die CDU hat zwar viele Sorgen der Bürger thematisiert, sie hat ihnen aber offenbar nicht mehr das Gefühl vermittelt, dass sie diese Sorgen wirklich versteht und politisch wirksam behandelt. Für die Wahl war das entscheidend.

Die AfD hat dieses Vakuum professionell besetzt: Sie wird inzwischen nicht nur bei Themen wie Migration und Kriminalität als kompetent angesehen, sondern auch bei Wirtschaft, Energie, Arbeitsplätzen und sozialer Gerechtigkeit. Bei der Wirtschaft trauen ihr inzwischen 30 % der Befragten die besseren Lösungen zu – zwei Prozentpunkte mehr als der CDU. 2021 waren es für die AfD lediglich 8 %.

Der Verlust der politischen CDU-Identität

Die CDU hatte über Jahrzehnte einen besonderen politischen Vorteil: Sie konnte konservative, wirtschaftsliberale, christlich-soziale und patriotische Wähler an sich binden. Genau diese Integrationsfähigkeit scheint schwächer zu werden.

Das ist für die CDU vermutlich der gefährlichste Befund aus der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Die CDU verlor die Wahl, weil ihr bisheriges Alleinstellungsmerkmal und damit ihre Bindungsfähigkeit schwächer geworden ist. Ein Teil der früheren CDU-Wählerschaft sagt heute offenbar,

  • bei der CDU bekomme ich zwar rationale Wirtschaftspolitik, aber keine überzeugende Migrationspolitik,
  • die CDU steht für staatspolitische Vernunft, hat aber keine Antwort auf gesellschaftlich/kulturelle Veränderungen,
  • bei der CDU höre ich viel über europäische und internationale Verantwortung, aber zu wenig über die nationalen Probleme,
  • die CDU verspricht Veränderungen zum Besseren, aber im Alltag kommt das nicht an.

Die AfD kann darauf mit einer einfachen Botschaft antworten: „Ihr seid unzufrieden – und wir sagen, warum.“ Das ist politisch außerordentlich wirksam.

Dabei ist interessant, dass die AfD nicht nur frühere CDU-Wähler mobilisierte. Sie gewann auch rund 170.000 ehemalige Nichtwähler; diese machten etwa 30 % ihrer Zweitstimmen aus. Die Wahlbeteiligung stieg gleichzeitig auf 77,8 %.

Das bedeutet: Die CDU muss nicht nur verlorenen Wähler zurückholen. Sie muss auch wieder diejenigen erreichen, die sich von den etablierten Parteien insgesamt abgewendet haben.

Der zweite große Fehler

Im Wahlkampf wurden Bundespolitik und Landespolitik miteinander vermischt. Das Wahlergebnis war deshalb zu einem erheblichen Teil auch eine Abstimmung über die Bundesregierung.

In einer aktuellen Befragung meinen 88 % der Sachsen-Anhalter, ein besseres Regierungshandeln in Berlin hätte der CDU genützt und die AfD geschwächt. Deshalb sehen 47 % der CDU-Wähler eine Mitverantwortung der Bundesregierung für das schlechte Ergebnis der CDU in Sachsen-Anhalt.  

Das ist für Friedrich Merz besonders problematisch. Denn die Bundes-CDU kann sich nicht darauf zurückziehen: „Das war eine Landtagswahl, dafür ist die Landespartei verantwortlich.“

Das funktioniert politisch nicht mehr. Der Bundeskanzler steht auf dem Wahlzettel, auch wenn sein Name dort nicht steht.

Der Verlust der CDU-Direktmandate

Die CDU war in Sachsen-Anhalt jahrzehntelang tief in der Fläche verankert. Der Verlust aller 40 möglichen Direktmandate für die CDU ist deshalb noch aussagekräftiger als das Zweitstimmenergebnis. In der aktuellen Wahl gewann die AfD 38 von 41 Wahlkreisen.

Das bedeutet: Das Problem ist nicht nur die Bundes-CDU. Die gesellschaftliche Verankerung der CDU ist auch vor Ort erodiert. Das ist das Versagen der CDU-Politiker aus Sachsen-Anhalt.

Eine Partei kann schlechte Umfragen überleben. Sie kann auch einen ungeliebten Parteivorsitzenden überleben. Aber wenn ihre örtlichen Kandidaten nicht mehr gewählt werden, obwohl sie zuvor jahrelang Wahlkreise gewonnen haben, wird es existentiell.

Üblicherweise reagieren Parteien oder Parteimitglieder auf solche Krisen mit personellen Konsequenzen – so auch die Junge Union Sachsen-Anhalt, die bereits den Rücktritt der gesamten Landesparteiführung gefordert hat.

Das ist nachvollziehbar: Denn ein Wählerverlust von 37,1 % auf 17,2 % ist nicht mit einer falschen Wahlkampagne zu entschuldigen, sondern verlangt auch personelle Konsequenzen.

Strategische Neuausrichtung

Die CDU in Sachsen-Anhalt hat nicht deshalb verloren, weil die Wähler plötzlich Anhänger der AfD geworden sind. Sie hat verloren, weil die Wahl der AfD für immer mehr Wähler zur glaubwürdigeren Ausdrucksform ihrer Unzufriedenheit geworden ist.

Und genau darin liegt die strategische Herausforderung für die CDU, die nicht versuchen darf, die AfD zu kopieren. Das würde nur das Original stärken. Die CDU muss vielmehr wieder das werden, was sie in ihren besten Zeiten war:

„Eine Partei, die wirtschaftliche Vernunft, soziale Sicherheit, innere Ordnung, nationale Interessen, europäische Verantwortung und gesellschaftliche Stabilität miteinander verbindet.“

Wenn der CDU das gelingt, kann sie die AfD-Wähler zurückholen. Wenn sie dagegen hauptsächlich über die AfD spricht, vor ihr warnt und gleichzeitig ihre eigenen politischen Probleme nicht löst, dürfte Sachsen-Anhalt kein Ausrutscher, sondern ein Vorbote sein.

Institutionelle Erneuerung

Neben einer strategischen und personellen Neuausrichtung bedarf die CDU bei der Auswahl ihres Führungspersonals dringend einer institutionellen Erneuerung. Auch dieses Problem ist bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sichtbar geworden.

Die CDU hat bei der Landtagswahl kein einziges Direktmandat gewonnen. Ihre neu gewählten Abgeordneten kommen über die im November 2025 aufgestellte Landesliste in den Landtag. Auf den ersten sieben Plätzen dieser Liste stehen ganz überwiegend Personen, die der politischen Führung bzw. dem etablierten Funktionärszirkel der CDU in Sachsen-Anhalt angehören.

Damit entsteht ein unhaltbares Ergebnis: Diejenigen, die für die bisherige Politik verantwortlich sind, erhalten über die Landesliste, die sie selbst aufgestellt haben, einen sicheren Platz im neuen Landesparlament – auch wenn sie als direkte Kandidaten durchgefallen sind.

Das ist keine personelle Erneuerung, sondern ein Personaltausch an der Spitze der Partei, der auch funktioniert, wenn eine Partei die Wahl verliert. Diese Praxis sollte durch eine Satzungsänderung der CDU auf allen Ebenen mit dem Ziel geändert werden, die Listenaufstellung zu demokratisieren. Nicht die Nähe zur Parteiführung sollte entscheidend für den Listenplatz sein, sondern die Akzeptanz bei der Parteibasis.


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