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Süderelbe AG
29.12.2015 12:05 (2375 x gelesen)

Süderelbe AG


Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die  Süderelbe Aktiengesellschaft feiert heute ihren zehnten Geburtstag. Dies ist formal korrekt, weil sie zum 1. Januar 2005 ihre Arbeit aufgenommen hat. Zu diesem Zeitpunkt waren die grundsätzlichen Überlegungen und Diskussionen aber bereits abgeschlossen.  Um diese kennenzulernen, muss man bis in das Jahr 2003 zurück gehen.

Mobilisierungsphase

In der damaligen Zeit war die wirtschaftliche Situation äußerst kritisch. Davon war auch die Region Süderelbe betroffen. Die registrierte Arbeitslosigkeit in Deutschland war auf  fünf Millionen Arbeitssuchende geklettert. Das wirtschaftliche Wachstum war schwach. Deutschland galt als der „kranke Mann Europas“. Gerhard Schröder hatte seine Agenda 2010 noch nicht verkündet. 

Allerorten wurde deshalb nach dezentralen Lösungen gesucht. Der Wirtschaftsverein für den Hamburger Süden warb damals in einem Symposium für die Förderunge der „Wachstumspotentiale im Hamburger Süden“, ganz im Sinne des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums. Denn Walter Hirche, der damalige Wirtschaftsminister in Niedersachsen, suchte „Wachstumsregionen“, um die Förderpolitik des Landes neu auszurichten. „Stärken stärken“ hieß das Motto.

Davon ließen sich auch die Landräte und Bürgermeister in der Region der Süderelbe anstecken. Man begann, über eine „regionale“ Wirtschaftsförderung  nachzudenken und dafür zu werben. Denn die „kommunale“ Wirtschaftsförderung war an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen.

Die maßgeblichen Treiber dieses Projektes waren Axel Gedaschko für den Landkreis Harburg, Günther Armonat für den Landkreis Stade, Stefan Porwol für den Landkreis Lüneburg, Ulrich Mädge für die Stadt Lüneburg und Günther Bonz für Hamburg. Sie  hatten den gemeinsamen Willen, die Wirtschaftsförderung in der Region  Süderelbe über die Staats- und Kreisgrenzen hinaus neu zu organisieren. Dafür warben sie intensiv in den politischen Gremien und in der Öffentlichkeit.

Wie dringend der politische Handlungsbedarf war, zeigt ein Bericht von Claudia Michaelsen in den Harburger Nachrichten vom 7. Mai 2005:

„Während sich die Akteure noch redlich mühen, nach Jahrzehnten des Nebeneinanderwurstels die Grenzen in den Köpfen zu überwinden und ein in der Region nicht existentes Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, hat die Realität in der Wirtschafts- und Arbeitswelt diese hehren Bemühungen längst eingeholt. In Harburg gehen Arbeitsplätze massenhaft den Bach hinunter.“

Um das Projekt „Süderelbe“ voranzutreiben, beauftragten die Initiatoren - mit der finanziellen Hilfe des Landes - die Deloitte Consulting mit der Erarbeitung einer Projektstudie, die Mitte 2004 vorlag. Danach wurde die „Wachstumsinitiative Süderelbe AG“ als Umsetzungsorganisation gegründet und diese begann mit  ihrer Arbeit am 1. Januar 2005. 

„Private Public Partnership“

Welche Überlegungen verbanden die Gründer mit der Süderelbe Aktiengesellschaft?

- Die Süderelbe AG sollte sich in ihrer Arbeit nicht an den Kreis- und Staatsgrenzen orientieren, sondern die Wirtschaftsregion „Süderelbe“ im Blick haben. Dieses Regionalprinzip sollte für die Gesellschaft konstituierend sein.

- Die Süderelbe AG sollte als „Private Public Partnership“ gegründet werden. Die Beteiligung von Unternehmen aus der Region wurde von den Initiatoren  ebenfalls als konstitutiv angesehen. Gegründet wurde die Gesellschaft von Kommunen, Sparkassen und  25 Unternehmen aus der Region. Bei der Besetzung des Aufsichtsrates verständigte man sich auf die Drittelparität.

- Die Süderelbe AG sollte „weisungsunabhängig“ arbeiten. Aus diesem Grunde entschied man sich für die  Rechtsform einer Aktiengesellschaft. Bei dieser Rechtsform ist der Vorstand  gegenüber dem Aufsichtsrat, aber nicht gegenüber den Aktionären verantwortlich. Diese Rechtsform hat sich in den zehn Jahren dann auch bewährt.

- Die Süderelbe AG sollte wie ein „Unternehmen“ arbeiten. Man wollte die bestehenden Fördereinrichtrungen nicht um eine weitere staatliche Stelle bereichern. Zum ersten Vorstand bestellte der Aufsichtsrat deshalb Jochen Winand. Er war ein Mann der Wirtschaft. Gleichzeitig kannte er sich in der Wirtschaftsregion Süderelbe bestens aus.
 

Ich möchte die Gelegenheit nehmen, um mich im Namen der Gesellschaft, aber auch persönlich, bei Ihnen, Herrn Winand,  für Ihr erfolgreiches Wirken und die gute Zusammenarbeit recht herzlich bedanken.

Mein Dank gilt aber auch allen Aktionären, die über zehn Jahre treu zur Süderelbe Aktiengesellschaft gestanden haben und ohne die es diese Gesellschaft nicht gegeben hätte.

Denn gleichzeitig mit der Gründung oder dem Beitritt zur  Gesellschaft verpflichteten sie sich in einer Rahmenvereinbarung, der Süderelbe AG die benötigten Finanzbeiträge zur Verfügung zu stellen. Insgesamt waren es ca. eine Millionen Euro jährlich, mit denen die Gesellschaft arbeiten konnte. In den vergangenen zehn Jahren waren dies also zehn Millionen Euro, die die Aktionäre an die Gesellschaft zahlten.
 
Die Aktionäre hatten die Möglichkeit, die Rahmenvereinbarung nach drei bzw. fünf Jahren zu  kündigen. Kein Aktionär hat von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Dies spricht für die Stabilität der gefundenen Lösung.


Doppelstrategie


Das Ziel der Süderelbe Aktiengesellschaft sollte es sein, die Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung in der Region Süderelbe über Kreis- und Landesgrenzen hinweg zu fördern.

Aber wie hat sie das gemacht?

Den Gründungsgesellschafter schwebte nicht vor, dass die Süderelbe Aktiengesellschaft in Konkurrenz zu den kommunalen Wirtschaftsförderungseinrichtungen treten sollte. Ihr Förderansatz sollte ein anderer sein.

Die Satzung der Wachstumsinitiative bekannte sich zur sogenannten Clusterpolitik. Darunter versteht man regionale oder branchenbezogene Netzwerke und Kooperationen, insbesondere  zwischen Unternehmen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Verwaltungsstellen. Cluster sind aber kein Selbstzweck, sondern sollen der Verbesserung  der Standortattraktivität einer Region dienen.

Aufgabe des Clustermanagements ist es, solche Verbünde zu organisieren und zu fördern. Es geht dabei um die Stärkung der unternehmerischen „Wissensbilanz“ in der Region – mit dem Endziel,  Gewerbe anzuziehen und Arbeitsplätze zu schaffen. Hier ergeben sich dann Schnittstellen zur kommunalen Wirtschaftsförderung.

Im Rahmen des Clusteransatzes ist die Süderelbe Aktiengesellschaft eine Doppelstrategie gefahren:

Sie identifizierte zunächst die in der Region Süderelbe vorhandenen   Wachstumspotentiale.  Dies waren die Branchen

- Logistik,
- Luftfahrt und Fahrzeugbau,
- Ernährung und Chemie.

Gleichzeitig wurden die dafür geeigneten Querschnittsprojekte zur Verbesserung der regionalen Standortfaktoren festgelegt. Dies waren die Bereiche

- Ansiedlung und Flächenmanagement,
- Unternehmensgründung und Innovation,
- Ausbildung und Qualifizierung.

Die Projektstudie von Deloitte Consulting   enthielt hierzu  insgesamt 38  Projektideen, darunter 16 sog. A-Projekte. Nicht alle bestanden aber den Praxistest.

An deren Stelle sind in den vergangenen zehn Jahre viele neue Projekte getreten. Auch im Bereich der Unternehmensansiedlung ergaben sich im Laufe der Jahre neue  Möglichkeiten und Ansatzpunkte, die die Süderelbe AG nutzte.

Denn ohne diese Aktivitäten ist die rasante Entwicklung der Gesellschaft nicht zu erklären. 


Aktivitäten

Die Süderelbe AG ist in den zehn Jahren ihrer Existenz deutlich schneller gewachsen, als es die Projektstudie aus dem Jahr 2004  prognostizierte.

 An dem Plan-/Ist-Vergleich für 2013 wird dies besonders deutlich:

                                                    Plan                       Ist

Einnahmen                               600 TEuro            2.353 TEuro
Ausgaben                              1.440 TEuro            3.132 TEuro

Verlust                                     840 TEuro               779 TEuro

Deckungsbeitrag                        42 Prozent               75 Prozent


Es gibt weitere Kennziffern, die auf eine erfolgreiche Arbeit hinweisen:

- Zahl der Aktionäre 2013: 107 gegenüber 25 bei Gründung
- Zahl der heutigen Mitarbeiter: 27

- Arbeitsplätze durch Ansiedlung: 2.000
- Integration langjährig Arbeitsloser durch das Projekt „Reife Leistung“. 3.600

- Vermarktete Grundstücksfläche: 250 ha
- Vermarktete Investments: 300 Mio. Euro

- Teinahme an Messen: 28
- Fach-/Netzwerkveranstaltungen: 480


Mit der Süderelbe AG verbanden die Gründer auch das Ziel, das  „Regionalgefühl“ in der Wirtschaftsregion der Süderelbe zu stärken. Ist dies gelungen?

Da es für ein solches Gefühl kein objektives Kriterium gibt, will ich die Frage offen lassen. Aber eines lässt sich sagen:  

Vor zehn Jahren war die Süderelbe in erster Linie auf Hamburg ausgerichtet. Die Querverbindungen innerhalb der Region waren nur schwach ausgebildet.  Dies hat sich inzwischen geändert. Die regionalen Querverbindungen sind heute deutlich stärker als vor zehn Jahren. Ich bin davon überzeugt, dass die Wachstumsinitiative Süderelbe AG daran in erheblicher Weise mitgewirkt hat.

Es gibt sicherlich noch kein „Regionalgefühl“ in der Süderelbe, wohl aber ein regionales Bewusstsein, dass man gemeinsame Interessen hat. Vielleicht ist dies der größte Erfolg der Süderelbe AG.


Regionalprinzip

Ich sagte schon, dass das Regionalprinzip zu den Grundlagen der Süderelbe AG gehört.

So sagte Jochen  Winand mit Blick auf Hamburg in der WamS am 4. April 2004:

„In Zeiten der Globalisierung können wir uns den Halt an der Stadtgrenze nicht mehr leisten. Im Interesse aller gilt es, das Kirchturmdenken zu überwinden und aus dem Leitbild der Wachsenden Stadt das Leitbild der wachsenden Region zu entwickeln.“

Und Christoph Steiner schrieb dazu aus niedersächsischer Sicht in der Landeszeitung vom 23. Dezember 2004:

„Die Umsetzung von Wirtschaftsprojekten über kommunale und Landesgrenzen hinweg liefert zugleich den Hinweis darauf, dass sich die alte bürokratische Erstarrung allmählich aufzulösen scheint.“


Diese Hoffnung war begründet, aber sie ist nicht selbstverständlich. Nachdem sich die wirtschaftliche Lage gegenüber der vor zehn Jahren deutlich gebessert hat, sind  auch die örtlichen Eigeninteressen wieder stärker geworden. Es gibt nicht mehr die Angst vor steigender Arbeitslosigkeit und den Zwang zu gemeinsamen Aktionen.

Dies ist ein Risiko für die Süderelbe AG. Denn sie lebt davon, dass das Regionalprinzip auch lokal akzeptiert wird. Die Sicht vom Kirchturm reicht dazu  nicht aus. Denn die Süderelbe AG soll für die Region insgesamt einen Nutzen stiften. Dies ist ihre  Geschäftsgrundlage.

Wenn alle verantwortlichen Akteure diesen Gedanken lebendig halten, bin ich um die Zukunft der Süderelbe AG nicht bange. Vielen Dank!

Dr. Josef Schlarmann

(17. November 2014)


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