top-schriftzug
blockHeaderEditIcon

Dr. Schlarmann - Mittelstand

aktuelle Informationen für den Mittelstand
block-foto-dr-schlarmann-mittelstand
blockHeaderEditIcon
Soziale Marktwirtschaft : Die politischen und kulturellen Kernbotschaften der AfD
15.10.2026 21:55 (34 x gelesen)

Die politischen und kulturellen Kernbotschaften der AfD – und warum sie auf Resonanz stoßen

Der Historiker Heinrich August Winkler schreibt in der FAZ vom 15. Oktober 2026: „Zu den beliebtesten Aktualisierungen der Weimarer Republik gehört die Gleichsetzung von AfD und NSDAP. Sie ist genau so falsch, wie es eine Gleichsetzung der Linkspartei mit der KPD wäre. Die AfD ist eine zutiefst illiberale, reaktionäre, nationalistische und in Teilen rassistische, im Hinblick auf den Nationalsozialismus ambivalente bis apologetische Partei, eine totalitäre Partei nach Art der NSDAP ist sie nicht.“

Von einem Verbot der AfD rät Winkler ab: „Sollte das Bundesverfassungsgericht dem Verbotsantrag eines oder mehrerer Verfassungsorgane nicht stattgeben, wäre das ein Triumph der AfD. Ergeht das Verbot, würden alle Abgeordneten dieser Partei im Bund, in den Ländern, den Kreisen, Städten und Gemeinden ihre Mandate verlieren. Die Folge wäre keine Stabilisierung, sondern eine Legitimationskrise der Demokratie, und das vor allem dort, wo die Zustimmung zur AfD am höchsten ist: in Ostdeutschland.“ 

Die Berufung auf die „Lehren aus Weimar“, die wieder en vogue sind, hält Winkler für einen Fehlgriff: „Wer die Berliner Republik des Jahres 2026 in die Nähe des Jahres 1932, des vorletzten Jahres der ersten deutschen Republik rückt, weiß nicht, wovon er spricht. Im Sommer 1932 erreichten das Massenelend und die Massenarbeitslosigkeit ihren Höhepunkt; blutige Straßenschlachten im Vorfeld von Wahlen waren an der Tagesordnung. Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli votierten die Deutschen mehrheitlich gegen die parlamentarische Demokratie in Gestalt des Weimarer Vielparteienstaates, und für zwei konträre Diktaturparteien, NSDAP und KPD.“

Die zunehmende Popularität der AfD lässt sich nicht allein mit der Unzufriedenheit über einzelne politische Entscheidungen erklären. Sie hängt vor allem damit zusammen, dass die Partei ein eigenständiges politisches und kulturelles Deutungsangebot macht: Sie erklärt, was in Deutschland ihrer Auffassung nach falsch läuft, wer dafür verantwortlich ist und wie das Land wieder auf einen anderen Kurs gebracht werden soll.

Entscheidend ist dabei die Verbindung von drei Ebenen: nationale Identität, staatliche Ordnung und politisches Vertrauen. Die AfD unterscheidet sich von den anderen Parteien nicht unbedingt dadurch, dass jedes ihrer Themen neu wäre, sondern dadurch, wie konsequent sie diese Themen miteinander verbindet und gegen das etablierte politische System stellt.

1. Die sechs zentralen Botschaften

1. Nationale Identität und kulturelle Selbstbehauptung

Die AfD sieht Deutschland als historisch gewachsene Nation mit einer eigenen Sprache, Kultur und Geschichte. Sie fordert deshalb, die nationale Identität und kulturelle Kontinuität stärker zu schützen. In der Migrationsdebatte verbindet sie dies mit der Vorstellung, dass Zuwanderung die gesellschaftliche und kulturelle Zusammensetzung des Landes verändert.

Der Unterschied zu den anderen Parteien besteht darin, dass diese nationale Identität häufig mit europäischer Integration, pluralistischer Gesellschaft und Einwanderung verbinden. Die AfD stellt demgegenüber die Bewahrung nationaler Eigenständigkeit in den Vordergrund.

2. Begrenzung der Migration und Vorrang staatlicher Kontrolle

Die AfD fordert eine deutlich restriktivere Einwanderungspolitik, konsequentere Abschiebungen, stärkere Grenzkontrollen und eine Begrenzung des Asylzugangs. Sie stellt dabei die Frage in den Mittelpunkt, ob der Staat noch ausreichend darüber bestimmen kann, wer einwandert und dauerhaft bleibt.

Der Unterschied: Die anderen Parteien vertreten ebenfalls restriktive Maßnahmen, unterscheiden sich aber bei Umfang, rechtlichen Grenzen und humanitären Verpflichtungen. Die AfD macht die Migrationsfrage zu einem zentralen Maßstab für die Leistungsfähigkeit des gesamten Staates.

3. Das Versprechen, den Bürgerwillen gegen das politische Establishment durchzusetzen

Die AfD präsentiert sich als Gegenpol zu den etablierten Parteien, den politischen Führungskreisen und Teilen der öffentlich-rechtlichen Medien. Ihre Botschaft lautet sinngemäß: Die Bürger wissen, was sie wollen, aber die politische Klasse hört ihnen nicht zu.

Der Unterschied: Die AfD deutet politische Konflikte besonders häufig als Gegensatz zwischen einer vermeintlich einheitlichen Bevölkerung und einem abgehobenen Establishment. Andere Parteien sehen sich eher als unterschiedliche, miteinander konkurrierende Vertreter pluralistischer Interessen.

4. Wirtschaftliche Sicherheit und Widerstand gegen Klimavorgaben

Die AfD kritisiert hohe Energiepreise, Klimaschutzauflagen, Bürokratie und die Regulierung von Unternehmen. Sie verbindet diese Kritik mit der Sorge vor Deindustrialisierung, Wohlstandsverlust und sinkender Wettbewerbsfähigkeit. Ihre energiepolitischen Forderungen unterscheiden sich deutlich vom klimapolitischen Kurs der meisten anderen Bundestagsparteien.

Der Unterschied: Die AfD stellt die Kosten und Eingriffe der Klima- und Transformationspolitik ins Zentrum und lehnt wesentliche Teile des gegenwärtigen klimapolitischen Rahmens ab. Die anderen Parteien unterscheiden sich zwar in Tempo und Instrumenten, akzeptieren aber grundsätzlich die Klimaziele.

5. Traditionelle Familienbilder und kultureller Konservatismus

Die AfD betont Familie, traditionelle Geschlechterrollen, nationale Geschichte und kulturelle Überlieferungen. Sie wendet sich gegen das, was sie als ideologische Bevormundung durch eine progressive Gesellschafts- und Identitätspolitik versteht.

Der Unterschied: Konservative Positionen zu Familie und Tradition finden sich auch in Teilen der Union. Die AfD verbindet sie jedoch stärker mit einer grundsätzlichen Opposition gegen die gesellschaftliche Liberalisierung, Genderpolitik und bestimmte Formen politischer Bildung.

6. Der Anspruch auf einen grundlegenden politischen Kurswechsel

Die AfD vermittelt, dass nicht nur einzelne Gesetze, sondern die politische Grundrichtung Deutschlands geändert werden müsse. Sie verbindet Migration, Energiepolitik, EU-Kompetenzen, innere Sicherheit und gesellschaftliche Werte zu einer umfassenden Gegenposition.

Der Unterschied: Die Partei tritt nicht nur als Korrektiv einzelner Regierungsentscheidungen auf, sondern als grundsätzliche Opposition gegen zentrale politische Leitlinien, die über längere Zeit von wechselnden Bundesregierungen getragen wurden.

2. Warum diese Botschaften derzeit so viel Zustimmung finden

Die politischen Inhalte erklären das Profil der AfD. Ihre Popularität wird aber erst verständlich, wenn man untersucht, welche Bedürfnisse, Erfahrungen und politischen Konflikte sie anspricht.

Erstens: Migration ist zum Symbol für staatliche Handlungsfähigkeit geworden

Migration steht für viele AfD-Anhänger nicht nur für die Zahl der Zuwanderer. Sie steht zugleich für Fragen der inneren Sicherheit, der Integration, der Belastung von Schulen und Kommunen und der Durchsetzung geltenden Rechts.

Eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu den Motiven bei der Bundestagswahl 2025 zeigt, dass Migration und Wirtschaft zu den maßgeblichen politischen Themen gehörten. Bei der AfD kommt hinzu, dass ihre Anhänger ihrer Partei gerade in der Migrationspolitik eine ausgeprägte Problemlösungskompetenz zuschreiben.

Die entscheidende politische Wirkung besteht darin, dass sich mehrere unterschiedliche Sorgen in einem einzigen Thema bündeln: Wer die Migrationspolitik ablehnt, kann damit zugleich seinen Unmut über die Regierung, über gesellschaftliche Veränderungen und über vermeintlich fehlende staatliche Kontrolle ausdrücken.

Zweitens: Die AfD bietet eine Erklärung für den empfundenen Verlust an Kontrolle

Viele Bürger erleben politische Veränderungen, auf die sie ihrer Auffassung nach kaum Einfluss haben: internationale Krisen, europäische Regelungen, Migration, Klimaschutzauflagen und wirtschaftlichen Strukturwandel.

Die AfD verbindet diese Entwicklungen zu einer zusammenhängenden Erzählung: Deutschland werde von politischen Entscheidungsträgern in eine Richtung geführt, die große Teile der Bevölkerung nicht wollten.

Damit bietet sie nicht nur konkrete Forderungen, sondern auch eine Erklärung für persönliche und gesellschaftliche Verunsicherung. Die Verantwortung wird dabei vor allem der politischen Führung und den etablierten Institutionen zugeschrieben.

Das ist ein wesentliches Merkmal des Populismus: Der Anspruch, den eigentlichen Willen des Volkes gegen eine als abgehoben dargestellte politische Elite zu vertreten. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt diesen Anspruch als zentrales Element der AfD-Programmatik.

Drittens: Die kulturelle Dimension geht über materielle Interessen hinaus

Ein Bürger kann wirtschaftlich relativ abgesichert sein und trotzdem die Sorge haben, dass sich sein gesellschaftliches Umfeld zu schnell verändert. Fragen nach Sprache, Religion, nationaler Geschichte, gesellschaftlichen Normen und Zugehörigkeit betreffen nicht unmittelbar das Einkommen, wohl aber das eigene Verständnis von Heimat und gesellschaftlicher Ordnung.

Die AfD spricht solche kulturellen Bindungen besonders deutlich an. Sie stellt einer pluralistischen, vielfältigen Gesellschaft ein stärker auf nationale Homogenität und kulturelle Abgrenzung ausgerichtetes Gesellschaftsbild gegenüber.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Der Wunsch nach kultureller Kontinuität oder nach einer Begrenzung der Migration ist nicht automatisch mit einer rechtsextremen Weltanschauung gleichzusetzen. Problematisch wird es dort, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion als grundsätzlich weniger zugehörig behandelt werden oder ihnen gleiche Rechte abgesprochen werden.

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung der Freien Universität Berlin unterscheidet innerhalb der AfD-Wählerschaft mehrere Einstellungsgruppen. Gemeinsam ist ihnen vor allem die restriktive Haltung zur Migration; hinsichtlich autoritärer und antisemitischer Einstellungen bestehen dagegen deutliche Unterschiede.

Viertens: Die AfD profitiert vom Vertrauensverlust gegenüber den anderen Parteien

Die AfD kann ihre Botschaften besonders wirksam vermitteln, wenn Bürger den Eindruck haben, dass sich die etablierten Parteien in zentralen Fragen zu wenig unterscheiden oder Wahlversprechen nicht einhalten.

Dazu gehören beispielsweise die Wahrnehmung, dass die Migrationspolitik trotz Ankündigungen nicht ausreichend verändert wird, dass Klimaschutzmaßnahmen wirtschaftliche Belastungen erzeugen oder dass Bürokratieabbau nur angekündigt wird.

Fünftens: Die AfD profitiert auch vom Ausschluss durch die anderen Parteien

Ein weiterer Faktor ist die Politik der Brandmauer gegenüber der AfD. Wenn andere Parteien eine Zusammenarbeit ausschließen, kann die AfD dies als Beleg für ihre Erzählung verwenden, das politische Establishment schütze sich selbst gegen eine unerwünschte Alternative.

Das bedeutet nicht, dass diese Darstellung sachlich zutrifft. Es erklärt vielmehr, wie die politische Isolation der Partei zugleich zu einem Bestandteil ihrer Mobilisierung werden kann.

Sechstens: Die AfD verbindet Protest mit tatsächlicher politischer Überzeugung

Die AfD wird nicht ausschließlich aus Protest gewählt. Die Wahlanalyse des ZDF zur Bundestagswahl 2025 kam zu dem Ergebnis, dass 68 Prozent ihrer Anhänger ihre Wahl mit den politischen Forderungen der Partei begründeten, während 29 Prozent sie als Denkzettel verstanden.

Das ist politisch bedeutsam: Die Partei verfügt über ein eigenständiges, in Teilen gefestigtes Wählermilieu. Selbst wenn die Unzufriedenheit mit einer Regierung abnimmt, verschwinden damit nicht automatisch die Überzeugungen, die Menschen an die AfD binden.

Schlussfolgerung:

Die AfD unterscheidet sich von den anderen Parteien vor allem durch die Verbindung von nationaler Identität, restriktiver Migrationspolitik, kulturellem Konservatismus und fundamentaler Opposition gegen das politische Establishment.

Für ihre derzeitige Popularität sind insbesondere drei Mechanismen relevant:

  1. Sie besetzt Konflikte, die viele Bürger als ungelöst wahrnehmen, vor allem Migration und staatliche Handlungsfähigkeit.
  2. Sie übersetzt konkrete Sorgen in eine umfassende politische Erzählung, die nationale Zugehörigkeit, wirtschaftliche Sicherheit und kulturelle Kontinuität miteinander verbindet.
  3. Sie kann von der Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien profitieren, ohne dass ihre Anhänger deshalb bloß Protestwähler sein müssen.

Für die Bewertung ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ist deshalb eine doppelte Perspektive notwendig: Man muss die realen Sorgen und politischen Anliegen ihrer Wähler ernst nehmen und zugleich die konkreten Positionen der Partei an den Maßstäben einer pluralistischen Demokratie, der Menschenwürde und des Rechtsstaats messen.

Die politische Herausforderung für die Konkurrenzparteien besteht darin, auf berechtigte Problemlagen überzeugende Antworten zu geben, ohne dabei die Grundsätze preiszugeben, die eine freiheitliche Demokratie ausmachen.

Heinrich August Winkler schreibt dazu in der FAZ: „Aus Weimar hat die Bundesrepublik auch gelernt, dass in einer Demokratie nicht nur die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Sozialen, sondern stets auch die sozialen Rahmenbedingungen der Wirtschaft bedacht werden müssen. Es hängt viel davon ab, ob die jeweils Regierenden sich von dieser Maxime der Sozialen Marktwirtschaft leiten lassen oder sie für obsolet halten.


Zurück Druckoptimierte Version Diesen Artikel weiterempfehlen... Druckoptimierte Version
Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail
*